Südfrankreichs wilde Natur offenbart sich bei einer Reise in die Cevennen. Dort sind die Nächte zu schön zum Schlafen Auf Serpentinen zu den Sternen

Der Weg zu den Sternen hat viele Kurven und keinen Mittelstreifen. In endlosen Serpentinen führt er hinauf zum Firmament: Kilometer um Kilometer an düsteren Abgründen entlang, seit einer Ewigkeit begleitet vom Rauschen im Mondlicht fast unsichtbarer Wasserfälle.

 Gebirgsbäche und kristallklare Wasserfälle finden sich überall am Wegesrand in den südfranzösischen Cevennen.

Gebirgsbäche und kristallklare Wasserfälle finden sich überall am Wegesrand in den südfranzösischen Cevennen.

Foto: Helge Sobik

Er windet sich auf schmalen Straßen durch winzige Dörfer. Fahles Licht fällt Momente lang aus ein paar Fensteröffnungen. Aus einer geöffneten Haustür klingen Chansons, deren Melodien schon ein paar Meter weiter in der Dunkelheit verloren gehen. Und am Ende, viele Windungen später und immer höher, wenn die Sterne durchs Schiebedach ins Auto zu fallen drohen, wird der Asphalt rissig. Nun führt die Piste nur noch an zwei schlafenden Eseln in einem Gatter vorbei in die Hofeinfahrt: endlich angekommen, hoch oben in den Cevennen, gut 100 Kilometer im Hinterland der französischen Mittelmeerküste.

Sind die Autoscheinwerfer abgeschaltet, ist es schwarz neben der massigen, festungsartigen Hauswand der Herberge. Irgendwo im Rücken klebt der Mond über den Tannen. Gegenüber leuchten die Sterne und das Milchstraßenband spannt sich, als hätte der Nachthimmel Abermilliarden winziger hintergrundbeleuchteter Löcher.

Die nächste Stadt ist weit, sogar das nächste Dorf, Industrie ist so etwas wie Fiktion. Nichts als Bergwiesen und Wälder gibt es hier oben auf gut 1200 Metern Höhe. Nichts bricht das Licht des Nachthimmels – und eigentlich mag gerade keiner so recht an der Haustür des aus aufeinandergestapelten Natursteinen errichteten Hofes klopfen und das reservierte Zimmer beziehen: weil es über dem Bett eine Holzdecke haben wird, die diesen Blick versperrt.

Vorhang auf für
den Nebel am Morgen

Aber es hat Fenster – und als wenn ein Bühnenvorhang weit oberhalb des Dörfchens Genolhac langsam aufgeschoben wird, hebt sich ein paar Stunden später der Morgennebel aus dem Tal, gibt den Blick auf grüne Wiesen frei, löst sich ins Nichts auf, während die Tannen weit im Hintergrund immer mehr zu werden scheinen. Der neue Tag ist da, und irgendwo kräht ein Hahn. Die beiden Hofhunde bellen, einer der namenlosen Esel an der Einfahrt antwortet resolut in seiner Sprache.

Weite Teile der Cevennen gut 50 Kilometer westlich von Nimes, 60 nördlich von Montpellier und 120 nordwestlich von Marseille sind als Nationalpark seit 1970 unter besonderen Schutz gestellt. Allein dieser Park bringt es auf gut das Anderthalbfache der Fläche des Saarlandes oder des Staates Luxemburg – und umfasst noch nicht einmal die gesamten, bis zu 1700 Meter hohen Cevennen.

Dem Tourismus setzt die Natur seit jeher enge Grenzen. Straßen führen in der schwer zugänglichen Mittelgebirgsregion noch längst nicht überallhin. Es leben hier zu wenige Menschen, als dass man je vorgehabt hätte, allzu viele Pisten zu bauen – zumal das kein leichtes Unterfangen gewesen wäre. So blieb es bei den schmalen Fahrwegen, die irgendwann an die Abbruchkante aus Schiefer geklebt oder und in den Kalkstein gestemmt wurden: vielfach nur anderthalb Spuren breit, ein Parcours für den Geschicklichkeits- und Reaktionstest, wann immer hinter einer der vielen Kurven Gegenverkehr auftaucht. Und fast betet man, es mögen dort diesmal weder Schulbus noch Milchlaster lauern.

Mit viel Liebe restaurierte einsame Gehöfte

Diese Serpentinen sind zumindest aus Richtung Westen kommend so etwas wie ein Trichter, hindern viele daran, weiter vorzudringen in die Berge. Von Süden und Osten ist die Anfahrt einfacher. Die Randgebiete der Cevennen sind beliebtes Ausflugsziel, aber je weiter man sich in den Märchenwald hineinschraubt, je höher hinauf, desto einsamer wird es.

Hotels gibt es bald fast keine mehr, nur noch Pensionen und so genannte Chambres d´Hôtes, die französische Variante der Bed & Breakfast-Idee. Das sind Privathäuser mit ein paar Fremdenzimmern, in den Dörfern oder auf abgelegenen Gehöften. Es sind Leute wie Christine Gerbino, die sich hier niedergelassen haben, Zugewanderte, die die Ruinen von Einöd-Höfen erstanden haben, zwei Esel anschaffen, mit ein paar Hunden einziehen, die jahrhundertealten Häuser mit viel Herzblut und reichlich Eigenarbeit restaurieren und nebenbei Zimmer vermieten.

Abends kochen sie für ihre Gäste, tischen in ausgebauten Scheunen oder restaurierten Weinkellern mehrgängig auf: vorweg zum Beispiel saftigen Cevennen-Schinken mit Gemüse aus dem eigenen Garten, dann herzhafte Steaks vom Grill oder mit Lavendelhonig bestrichenes Hühnchenfilet, gebacken mit einen frischen Rosmarinzweig, zum Abschluss Käse aus dem nächsten Dorf. Dazu gibt es leichten Landwein aus den tieferen Regionen.

Auf was man sich dabei einlässt, weiß man bei der Buchung nie so genau. Es hängt ganz von Ideenreichtum und Kochkünsten der Gastgeber ab. Und davon, was gerade vorrätig ist. Sicher ist nur eines: Wenn es nicht schmeckt, ist der Weg zum nächsten Landgasthof oder Supermarkt sehr weit.

Wer sich aber auf dem Nachhauseweg den Geschmack der Cevennen kaufen will, biegt rechts oder links ab, wann immer ein Schild auf den Verkauf hausgemachter Marmeladen oder von Gebirgshonig aus eigener Imkerei auf einem der Höfe, auf Wurstwaren oder Käse aus eigener Herstellung hinweist. Wo das eigene Französisch nicht reicht, wird man sich mit Gesten einig, lacht, probiert, kauft nochmal mehr.

Aus den Felsen gurgeln derweil immer wieder kühle Quellen, spritzt kristallklares Wasser, stürzen Kaskaden talwärts, die wie aus der Fernsehwerbung für Sprudel schillern, über glatte Felsen rollen, über hellgrüne Moose rinnen. An der Wetterseite der Bäume kleben feuchte Flechten, und mitten durch die Wälder winden sich Wanderwege, führen zu kleinen Picknickplätzen an Aussichtspunkten oder hinab in die Schluchten.

Christine Gerbinos Hofhund interessiert sich nicht mehr sonderlich dafür. Er ist schon durch so viele Gebirgsbäche getobt, hat unter zahllosen Wasserfällen gebadet, dass ihm jetzt das eigene Revier genügt. Allenfalls eine Erfrischung im Gartenteich gönnt er sich. Schließlich ist er im Dienst, muss die beiden Esel zur Ordnung rufen, den Parkplatz bewachen, neue Gäste lautstark ankündigen, Heimkehrer begrüßen.

Ob er nachts auch den Blick auf Sterne die genießt? Wahrscheinlich. Denn dann lässt er sich nicht groß stören, verzichtet aufs Bellen, wedelt nur kurz zur Begrüßung – und scheint gleich wieder in den Himmel zu schauen.

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