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Die Suche der Reisebranche nach Wegen aus der Corona-Krise

Reise : Die Suche der Reisebranche nach Wegen aus der Corona-Krise

Norbert Fiebig, Präsident des Deutschen Reiseverbandes DRV, verbreitete vor Eröffnung der Internationalen Tourismus-Börse Berlin (ITB) Optimismus und meinte, die Zuversicht steige, bald wieder verreisen zu können.

Auch die ITB, die weltweit größte Reisemesse, musste coronabedingt Federn lassen. Letztes Jahr wurde sie kurzfristig abgesagt und dieses Jahr fand sie vom 9. bis 12. März online statt.Die Reisebranche hofft auf die Corona-Impfungen und darauf, dass die Möglichkeit von Corona-Tests die Reiselust wieder ankurbelt. Noch herrsche aufgrund fehlender Öffnungsstrategien der Politik eine große Unsicherheit. Sowohl die Branche als auch die Menschen bräuchten klare und planbare Perspektiven, so Fiebig.

Die Reisebranche wurde am härtesten getroffen

Es gibt kaum eine Branche, die härter von der Corona-Pandemie getroffen wurde, als die Reisewirtschaft. Sie war die erste, die die Auswirkungen direkt zu spüren bekam. Schon im Februar letzten Jahres machte sich der Buchungsrückgang Richtung Asien, speziell Richtung China bemerkbar. Der Weg des Corona-Virus um die Welt ließ sich anhand der parallel zurückgehenden Buchungsmöglichkeiten und der stattdessen ansteigenden Umbuchungs- und Stornierungsanfragen nachverfolgen. Im März mussten die ersten Reisebüros in die Kurzarbeit gehen, aus der die gesamte Reisebranche bis heute nicht herausgekommen ist.

Während Lufthansa und die TUI innerhalb kurzer politischer Entscheidungsfristen Gelder in Milliardenhöhe bekamen, gingen die staatlichen Hilfen zu einem großen Teil an den kleinen und mittelständischen Unternehmen vorbei – oder kamen viel zu spät. Im Spätsommer gab es die ersten Insolvenzen und noch ist kein Ende dieser Entwicklung abzusehen. Ein schmaler Lichtstreif am Horizont lässt allerdings hoffen, dass es für die, die sich irgendwie über Wasser halten können, vielleicht wieder aufwärts gehen könnte.

Das Image der Reisebüros hat Schaden genommen

Die Reisebranche ist die einzige, deren Sorgen seit Monaten in der Politik und in der Bevölkerung ungehört bleiben. Denn Reisen und die Arbeit rund ums Reisen werden von niemandem als systemrelevant angesehen. Das Image der Reisebüros und der Reisebüromitarbeiter hat in der Corona-Krise mehr gelitten als das jeder anderen Berufsgruppe, Politiker einmal ausgenommen.

Nach Jahrzehnten guter und intensiver Zusammenarbeit mit Millionen reiselustigen Kunden scheint ein Großteil der Bevölkerung die Reisebüros für überflüssig zu halten. Mehr noch, sie werden für den Klimawandel mitverantwortlich gemacht. Grund: Der Verkauf von Flugreisen und Kreuzfahrten. Die Zeit nach der Corona-Krise wird für die überlebenden Unternehmen eine Zeit des Aufräumens alter Strukturen und des Neuordnens unter völlig anderen Voraussetzungen werden.

Historischer Umsatzeinbruch im Jahr 2020

Der coronabedingte, weltweite Reisestopp wird das Jahr 2020 in die Wirtschaftsgeschichte eingehen lassen. Nie zuvor gab es einen größeren Umsatzeinbruch in der Reisewirtschaft, weder nach 9/11 im Jahr 2001 noch als Folge der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009. Norbert Fiebig würde es schon als Erfolg werten, würden die Reisebüros und Reiseveranstalter in diesem Jahr auch nur 50 Prozent des Umsatzvolumens von 2019 erreichen. Letztes Jahr, so Fiebig, sei der Umsatz um 65 Prozent auf das Niveau von vor über 30 Jahren eingebrochen.

Doch nicht nur der Umsatzeinbruch alleine führte zur wirtschaftlichen Krise in der Branche. Auch die massiven Rückzahlungen der Provisionen aller stornierten Reisen an die großen Reiseveranstalter wie etwa TUI kosteten Existenzen. Die Reisebüroarbeit der Jahre 2019 und 2020 war völlig umsonst. Praktisch alles 2019 Erwirtschaftete wurde 2020 rückabgewickelt. Auch 2021 bleibt davon nicht unberührt. Noch immer bemühen sich Kunden ihre „Corona“-Reisegutscheine einzulösen oder endlich ihre längst bezahlten, aber immer wieder umgebuchten Reisen anzutreten. Der Deutsche Reiseverband meldet, dass die Neubuchungen in diesem Jahr bei gerade einmal 20 Prozent des Vorjahresniveaus liegen, und das während der Hauptbuchungsmonate. Der Umsatzeinbruch von 80 Prozent in diesem Jahr werde nicht mehr einholbar sein.

Die Impfungen könnten die Sommersaison retten

Es gibt Lösungen, die der Reisewirtschaft entgegenkommen könnten. Dazu braucht es aber die Unterstützung der Politik. Der DRV fordert die Einführung systematischer Corona-Tests statt einer Quarantäne von Reiserückkehrern aus dem Ausland. Wer an seinen Urlaub oder an seine Geschäftsreise noch eine Quarantänezeit anhängen muss, wird auf eine Auslandsreise eher verzichten. Eine Testung bei der Wiedereinreise wäre ein wirkungsvoller Buchungsanreiz. Wichtiger noch als die Tests sind aber die Covid-19-Impfungen. Je schneller geimpft wird, desto eher kann sich das Leben normalisieren.

Vor der Corona-Krise sicherte die Tourismuswirtschaft alleine in Deutschland etwa 2,9 Millionen Arbeitsplätze. Schon im August 2020 warnte UN-Generalsekretär António Guterres vor den verheerenden Folgen der Corona-Pandemie für den weltweiten Tourismus. Betroffen sind vor allem Entwicklungsländer, deren Ökonomien vom internationalen Tourismus abhängig sind. Es droht der Verlust von weltweit 120 Millionen Arbeitsplätzen. Betroffen sind in erster Linie kleine und mittlere Unternehmen und dabei vor allem Frauen. Zu Recht fordert Norbert Fiebig vom Deutschen Tourismusverband, dass die Politik endlich mit ihren „nie enden wollenden Appellen“ aufhören müsse, dass auf das Reisen verzichtet werden solle.

Aus Outgoing-Agenturen müssen Incoming-Agenturen werden

Die Deutschen haben sich auf selbstorganisierte Inlandsreisen umgestellt. Auslandsreisen führen vor allem in die Nachbarländer, die per Bahn oder mit dem Auto erreichbar sind. Solange Fernreisen und Kreuzfahrten nicht mehr gebucht werden, muss sich die Reisebranche umstellen. Eine Möglichkeit ist, potenzielle Deutschlandreisende aus den Nachbarländern als Neukunden zu gewinnen.

Reisebüros und Hotels sollten eine „Internationalisierungsoffensive“ starten. Dafür müssten sie aber ihre Internetauftritte, Kataloge und Flyer mehr- oder fremdsprachig gestalten. Englisch als zweite Sprachanwahl im Internet sollte selbstverständlich sein, ist es oftmals aber nicht. Gedrucktes Material gibt es fast ausschließlich auf Deutsch. Eine Idee könnte sein: Die im Norden Deutschlands ansässigen Reisebüros und Hotels sollten ihr Augenmerk auf Dänisch legen und ihr Marketing entsprechen umstellen. Im Westen und Südwesten sind Holländisch und Französisch gefragt, so dass hier die eigene Webseite durch französische Übersetzer bearbeitet werden sollte. Im Nordosten könnten polnische und im Südosten tschechische oder ungarische Touristen auf Deutschland als Reiseziel aufmerksam gemacht werden. Im Süden könnten ansässige Reisebüros und Hotels mit Italienisch und Spanisch punkten.

Neue Wege wagen

Eine Idee ist, Deutschland den europäischen Nachbarn als Reiseland zu präsentieren. Für amerikanische, chinesische und japanische Touristen ist Deutschland längst eines der obligatorischen Reiseziele auf ihrer Grand Tour durch Europa. Sie fallen aber coronabedingt für unabsehbare Zeit aus. Es gilt, gezielt neue Touristengruppen zu erschließen, die Deutschland noch nie bereist haben.

Wenn die Tourismuswirtschaft auch unter Coronabedingungen wieder wachsen soll, braucht es ein Umdenken: Umweltfreundlichkeit, Nachhaltigkeit, Vermeidung von unnötigen Flugreisen, kürzere Reisestrecken, Erhaltung der natürlichen Landschaften und der Kulturdenkmäler und nicht zuletzt die Pflege der Toleranz und Weltoffenheit. In all diesen Aspekten könnte die Reisewirtschaft zukünftig punkten. Einen Versuch wäre es wert.