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Am Aschermittwoch ist alles vorbei - Nur nicht auf Dominica

Am Aschermittwoch ist alles vorbei - Nur nicht auf Dominica

Roseau (dpa/tmn) - Am Aschermittwoch tragen Narren normalerweise Trauer. Wer noch einen Tag länger feiern will, muss nach Dominica reisen. Dort feiern die Ureinwohner der Karibik den Karnevalsausklang.

Touristen dürfen dabei sein - wenn ihr Schiff nicht vorher abfährt.

Die letzten Passagiere leeren am Pier von Roseau zu den Klängen einer Calypsoband ihre Plastikbecher mit Rumpunsch. Sie sind erschöpft vom vielen Schauen, Spazieren, Tanzen und Fotografieren an diesem Karnevalsdienstag. Das Horn ihres Kreuzfahrtschiffs ertönt. Passagiere und Insulaner winken. Leinen los. Der Ozeanriese steuert die nächste Insel an.

Der farbenprächtige Faschingszug und Tausende ausgelassene Insulaner tanzen schwitzend und trinkend in den engen Straßen von Roseau weiter bis tief in die Nacht. Auch in einem Dutzend anderer Dörfer und Städtchen auf der Insel klingt zu dieser Stunde die närrische Zeit mit kleinen Umzügen, Paraden, Masken und Musik aus.

Doch noch ist nicht alles vorbei! Denn die echten Kariben feiern am Aschermittwoch in ihren Dörfern an der rauen Küste im Osten - mit Musik, Särgen und Feuer. Touristen sind willkommen. Gut eine Stunde braucht der kleine Bus, der regelmäßig von Roseau nach Salybia fährt. Das ist der Hauptort der insgesamt acht Dörfer im sogenannten Carib Territory. Inzwischen gibt es auch zwei, drei Gästehäuser und einige Privatquartiere bei Familien der Kalinago, wie sich die Nachfahren der Karibik-Ureinwohner nennen.

Es ist Abend. Sterne funkeln. Wolken verhüllen für einige Minuten den Mond. In der Ferne ist die Brandung zu hören, die sich tosend an der felsigen Steilküste Dominicas bricht. Eine Kalinago-Familie spaziert auf einer abfallenden Straße Richtung Musik. Ihre Vorfahren gelangten vor etwa 2000 Jahren mit Einbaumbooten von Südamerika auf die Inselkette zwischen Florida und Venezuela.

In Salybia brennen noch ein paar Lichter. Drei Kurven weiter ist ein Feuerschein zu sehen. Trommelklang ertönt. Eine große Menge umringt das Feuer. Väter strecken ihre Kinder in die Höhe. Junge Männer springen über die Flammen. Bei der Tewe-Vaval-Zeremonie muss der Geist des Karnevals im Feuer sterben. Gelbe Masken schimmern in der Nacht. Die symbolische Beerdigung der Puppe aus Stofffetzen wird nicht nur bei den Urkariben gefeiert, sondern auch im Inseldorf Dublanc im Nordwesten Dominicas und beim nördlichen Nachbarn, dem französischen Guadeloupe.

Tewe Vaval bedeutet Abschied von Karneval, Feiern und exzessives Essen. Nun kommt die Zeit von Besinnung, Buße und Fasten, erläutert Dominicas Historiker Lennox Honychurch. Dämonen und Geister spielen bei Tewe Vaval eine wichtige Rolle. Der Glaube von Westafrikanern, Urkariben und Christen ist bei den Kalinago verschmolzen.

Hühner gackern. Schweine grunzen. Die kleine Parade vereint an diesem Mittwoch alle Hautfarben der Welt. Tiefschwarze Menschen, ein paar bleiche Touristen aus Ostasien und viele Insulaner mit bronze-brauner Haut und dunklen Haaren. Und einige haben sogar noch asiatisch anmutende Gesichtszüge.

Dominica - nicht zu verwechseln mit der größeren Dominikanischen Republik - lockt neben dem Karneval auch mit Naturparks, Bergen, vielen Flüssen, heißen Quellen und Papageien. Die Insel mit etwa 70 000 Einwohnern ist etwas kleiner als Rügen und hat gute Tauchgründe und Strände, meist mit dunklem Sand.

Wer zum Karneval kommt, kann schon viele Tage vor dem großen Finale den Calypsosängern bei den Vorrunden lauschen und in der ausgelassenen Menge die Hüften schwingen. Der Sieger ist ein Inselheld. Der 13-jährige Nathan empfiehlt: „Früh Aufstehen am Karnevalsmontag. Denn Jouvet startet noch im Dunkeln.“ Dann ziehen Trommler durch die Straßen. Und auf große Lastwagen werden Lautsprecher getürmt. Ganz oben sitzt und spielt die Band. Unten tanzen und hüpfen die Menschen hinter den dröhnenden Vehikeln.

Nathan ist der Sohn einer Schweizerin und eines Hessen, in deren kleinem Ökohotel „Tamarind Tree“ bei Salisbury meist Europäer übernachten. Der Junge hat weitere Tipps: „Am Dienstag erst zum großen Umzug nach Roseau, dann abends zum kleinen Fest in unser Dorf.“ Jeder kennt hier jeden. Gäste müssen viele Hände schütteln.

Und am frühen Aschermittwoch ist die Fahrt zu den Kalinago ein Muss. Nathans Mutter, Annette Peyer-Lörner, rät, unbedingt bei einer einheimischen Familie zu übernachten. „Das Home Stay Programm ist eine prima Sache. Touristen lernen viel über Geschichte und Traditionen der Ureinwohner. Die Gastfreundschaft ist groß.“

Massentourismus ist auf Dominica unbekannt. Die Hotels sind nicht höher als eine Palme. Am 13. Februar 2013, Aschermittwoch, legt die „MS Ventura“ mit Platz für 3100 Passagiere in Roseau für zwölf Stunden an. Da bleibt Zeit für einen Besuch bei den Kalinago und im Freilichtmuseum. Wenn die Beerdigung der Karnevalsgeister beginnt, sticht das Kreuzfahrtschiff aber schon in See, Pech für die Faschings-Fans.

Besser dran sind die Passagiere des großen Luxusseglers „MSY Wind Surf“. Der legt erst um 22.00 Uhr ab. Mit einem flotten Fahrer zum Pier dürfte das Kurzabenteuer Tewe Vaval klappen. Mehr von der Schönheit Dominicas, den tollen Faschingstagen und dem ungewöhnlichen Aschermittwoch sieht derjenige, der fliegt und länger bleibt.