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Bewertung von Nachhaltigkeitsaspekten im Bausektor

Umfangreiche Kriterien berücksichtigen : Bewertung von Nachhaltigkeitsaspekten im Bausektor

Nachhaltiges Bauen hat viele Gesichter. Bei komplexen Bauvorhaben können mehr oder weniger ökologische Ansätze in den verschiedensten Bereichen mit einfließen, von der Nutzung alternativer Energien bis zur Verwendung umweltfreundlicher und leicht recyclebarer Materialien. Umso schwieriger ist es bei der riesigen Bandbreite an Möglichkeiten die Qualität der Nachhaltigkeit eines Gebäudes objektiv zu beurteilen. Für die Einschätzung der Immobilienwerte wird dies jedoch zunehmend wichtiger.

Nachhaltiges Bauen gilt weitläufig auch als teuer. Besondere Werkstoffe, spezielle und neuartige Verfahren oder der Einsatz bestimmter Maschinen – die verschiedensten Punkte können die Baukosten in die Höhe treiben. Allerdings bleibt hier stets ein wichtiger Aspekt unberücksichtigt: die Herstellungs- und Errichtungskosten im Verhältnis zum gesamten Lebenszyklus des Gebäudes.

Kritik an der Baukostensenkungskommision

Der Verein Deutscher Ingenieure hat dies bereits im Jahr 2016 bemängelt. Um die schleppende Bautätigkeit in Deutschland anzukurbeln und bezahlbares Wohnen und Bauen zu fördern hatte die sogenannte Baukostensenkungskommission zuvor verschiedene Maßnahmen veröffentlicht. In der Kritik stand vor allem die kurzfristige Sichtweise des Konzepts.

Michael Neitzel, Diplom Ökonom und Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft InWIS (Institut für Wohnungswesen, Immobilienwirtschaft, Stadt- und Regionalentwicklung) geht noch einen Schritt weiter und fordert eine strukturelle Neugestaltung der Energie‑Einsparverordung (EnEV) und des Erneuerbare-Energien-Wärmegesetzes (EEWärmeG), um den Wohnungsbau sinnvoller zu stärken.

Realistische Beurteilung von Baukosten

Sollen Baukosten künftig realistisch eingeschätzt und im gesamtwirtschaftlichen Zusammenhang betrachtet werden, müssen weitere Kriterien mit in die Berechnungen einfließen. Auf diese Weise können sich die oft höheren Investitionskosten für ein nachhaltig konzipiertes Gebäude relativieren.

Nicht zuletzt wäre es interessant, wie sich nachhaltiges Bauen auf den Baupreisindex auswirkt. In seine Berechnung fließen zahlreiche unterschiedliche Faktoren mit ein. Allerdings werden hier in erster Linie Kosten für Materialien, Bauleistungen und Energieaufwendungen berücksichtigt. Die geplante Lebensdauer des Gebäudes spielt dabei keine Rolle. Ein um diesen Faktor erweiterter Index könnte ein realistischeres Bild über die Effizienz von Bauinvestitionen widerspiegeln.

Bei der Bauplanung werden die Kosten meist noch nicht in Relation mit der Lebensdauer eines Gebäudes betrachtet. Eine nachhaltige Bauweise erscheint so oft unverhältnismäßig teurer.
Bei der Bauplanung werden die Kosten meist noch nicht in Relation mit der Lebensdauer eines Gebäudes betrachtet. Eine nachhaltige Bauweise erscheint so oft unverhältnismäßig teurer. Foto: hansenn - stock.adobe.com/Hans Engbers

Bewertungssystem des Bundesministeriums

Vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVI) wurden Richtlinien zur Bewertung der Qualität nachhaltiger Gebäude veröffentlicht. Aufgrund der sehr unterschiedlichen Nutzung und verschiedener Schwerpunkte gibt es mehrere Kriterienkataloge und zusätzliche Richtlinien, je nach Gebäudeart:

· Bewertungssystem für Büro- und Verwaltungsgebäude – Außenanlagen, Bürogebäude, Unterrichtsgebäude, Laborgebäude)

· Bewertungssystem für Bundesgebäude (BNB)

· Bewertungssystem Nachhaltiger Wohnungsbau (NaWoh) – Neubau kleiner Wohngebäude (NKW13), Bewertungssystem Nachhaltiger Kleinwohnungsbau (BNK)

Die Bewertung beruht in ihrem Gesamtkonzept auf fünf grundlegenden Kriterien:

· Ökologische Qualität: Bewertung im Rahmen einer Ökobilanz

· Ökonomische Qualität: Kostenanalyse unter Berücksichtigung der Lebensdauer des Gebäudes

· Soziokulturelle und funktionale Qualität: U.a. Bewertung von Barrierefreiheit, gesundheitliche Aspekte (Raumklima, Akustik, Beleuchtung) oder Zweckmäßigkeit, aber auch ästhetische Kriterien im Zusammenhang mit den jeweiligen städtebaulichen Gegebenheiten

· Technische Qualität: Bewertung des notwendigen Aufwands zur Instandhaltung und der Recyclingfähigkeit des Gebäudes

· Prozessqualität: Berücksichtigung verschiedener nachhaltiger Aspekte während des Planungs- und Bauprozesses

Die ersten vier Punkte fließen zu gleichen Teilen in die Bewertung mit ein (22,5 Prozent), die Prozessqualität wird mit 10 Prozent beim Gesamtergebnis berücksichtigt. Hier wird bereits ersichtlich, dass ein weitaus größerer Kriterienkatalog zur Bewertung der Nachhaltigkeit eines Bauvorhabens miteinbezogen wird. Bei der ökonomischen Qualität taucht hier die Lebensdauer als entscheidender Faktor auf. Zudem fließen in diese Untersuchung auch Punkte wie die Wertstabilität und die Wertentwicklung des Gebäudes mit ein.

Durch eine hocheffiziente Gebäudedämmung können Baukosten gedrückt werden. So ergeben sich wiederum Möglichkeiten für höhere Investitionen in effizientere Energietechnik.
Durch eine hocheffiziente Gebäudedämmung können Baukosten gedrückt werden. So ergeben sich wiederum Möglichkeiten für höhere Investitionen in effizientere Energietechnik. Foto: Kara - stock.adobe.com/Fotolia, © Kara

Vielfältige Kriterien für die ökologische Qualität

Nicht nur die eingesetzten Materialien, auch die Gebäudetechnik spielt eine große Rolle für die ökologische Qualität. Auch hier sind verschiedene Faktoren definiert worden, an denen sich die Bewertung orientiert:

· Primärenergieaufwand: Dabei wird klar zwischen erneuerbaren und nicht erneuerbaren Energiequellen unterschieden.

· Ökologische Auswirkungen auf die Umwelt: Treibhauspotential (GWP), Ozonbildungs- (POCP) und Ozonzerstörungspotential (ODP), Versauerungspotential (AP) und Überdüngungspotential (EP)

Gerade Gebäudetechnik, die auf nachhaltige Energiequellen setzt, kann hier punkten. Ein gegebenenfalls höherer Anschaffungspreis amortisiert sich rasch, da sich bei erneuerbaren Trägern die regelmäßigen Kosten auf die Instandhaltung beschränken. Beim zweiten Punkt können die negativen Auswirkungen auf die Umwelt besonders effizient reduziert werden.

Potentiale zur Energieeinsparung nutzen

Der Energiehaushalt von Gebäuden hat mit 40 Prozent einen enormen Anteil am gesamten Energieverbrauch. Gleichzeitig ist dieser Bereich für rund 20 Prozent des CO2-Ausstoßes verantwortlich. Der Bausektor bietet also immer noch ein riesiges Potential um den Energiebedarf zu senken. Hier sollen die bereits angesprochenen Gesetzesverordnungen für Verbesserung sorgen.

Innovative Haustechnik, welche alternative Energieträger nutzt ist dabei ebenso gefragt, wie eine effiziente Gebäudehülle zur bestmöglichen Klimaregulierung. Betrachtet man die allgemeine Preisentwicklung im Baugewerbe, zeigt sich, dass hohe Kostensteigerungen seit 2006 stark im Bereich des Ausbaugewerbes liegen. Klar wird auch, dass vor allem verschiedene Rohstoffe wie Metalle oder Erdölbasierte Materialien einen enormen Preissprung gemacht haben.

In beiden Bereichen bietet eine nachhaltige Bauweise Potential, um langfristig für bezahlbare Baupreise zu sorgen. Bei nachhaltigen Baumaterialien spielt dabei auch der Energieaufwand für die Herstellung eine Rolle. Im Hinblick auf die Gesamtlebensdauer eines Gebäudes ergeben sich jedoch die größten Einsparmöglichkeiten. Nicht nur geringe Instandhaltungskosten, sondern auch selbst produzierte Energie über entsprechende Anlagen entlasten im Laufe der Jahre das Budget der gebäudebezogenen Kosten.

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks hat die Bemühungen der Bundesregierung hin zu einem umfangreicheren Ausbau der Solartechnik oder der Nutzung von Wärmepumpen zuletzt im Rahmen der neuen Leitlinien bekräftigt. Gebäude sollen so für eine umweltverträgliche Energiewende noch stärker genutzt werden.

Die Kosten für Gebäudetechnik sind in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Höhere gesetzliche Standards, eine gestiegene Komplexität sind Gründe dafür.
Die Kosten für Gebäudetechnik sind in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Höhere gesetzliche Standards, eine gestiegene Komplexität sind Gründe dafür. Foto: bluedesign - stock.adobe.com/Oliver Boehmer

Steigender Anteil der Baukosten bei der technischen Gebäudeausrüstung

Einerseits wegen der gestiegenen gesetzlichen Vorgaben, andererseits durch einen höheren Grad der Technisierung sind die Kosten für die Gebäudetechnik gestiegen. Hocheffiziente Anlagen, höhere Anforderungen an die Dämmung und zunehmend vernetzte, „smarte“ Technologie sind hier die entsprechenden Preistreiber.

Verschiedene Fachverbände wie das Baukosteninformationszentrum der Deutschen Architektenkammern (BKI) schätzen, dass der Anteil an den Gesamtkosten inzwischen bei rund 30 Prozent liegt. Dabei sind Kennzahlen zur wirtschaftlichen Planung nach den Anforderungen des EEWärmeG oder auch der unterschiedlichen Häusertypologien (Passiv-, Energieeffizienz-, KfW-Haus) berücksichtigt.

Die Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen (ARGE) hat in diesem Zusammenhang über einen längeren Zeitraum die Entwicklung der Preise und Kosten unter anderem unter Berücksichtigung bestimmter Energieeffizienzstandards untersucht. Hier bestätigte sich, dass vor allem die dabei notwendigen Investitionen für die Gebäudetechnik stark gestiegen sind. Hier zeigte sich allerdings auch, dass mit einer gleichzeitig hocheffizienten Gebäudedämmung wiederum Einsparungen möglich sind – etwa durch kleiner dimensionierte Anlagen.

Nachfrage für nachhaltig gebaute Immobilien steigt

Bisher befinden sich nachhaltige Bemühungen bei Bauvorhaben oft noch im Zwiespalt mit Vorgaben zur Senkung von Baukosten. Allerdings zeigt sich, dass durch eine sinnvolle Planung sowohl die Einhaltung der gesetzlichen Richtlinien zur Energieeffizienz von Gebäuden eingehalten und gleichzeitig innovative nachhaltige Technologien eingesetzt werden können. Vor allem das Zusammenspiel einer hochwirksamen Dämmung und effizienten Anlagen im Bereich der Energietechnik bietet hier Potential zur Optimierung.

Eine realistische Bewertung von Baukosten unter Berücksichtigung der Lebensdauer eines Gebäudes könnte positive Anreize für eine nachhaltigere Bautätigkeit schaffen. Die langfristige Betrachtung der Investitionen relativiert die höheren Kosten und macht ökologisches Bauen attraktiver. Vor allem die Branche rund um die Nutzung erneuerbarer Energien, die derzeit mit kostenintensiver Gebäudetechnik noch benachteiligt sind, könnten davon profitieren.

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