Baugeschichte Faszination Fachwerk: Eine kurze Geschichte der Fachwerkhäuser in Deutschland

Schöne Wohnhäuser müssen nicht unbedingt neu gebaut sein. Historische Bauten haben ihren ganz eigenen Charme. In Deutschland sind historische Stadtzentren vor allem von Fachwerkhäusern geprägt. Doch seit wann gibt es die typischen Fachwerkhäuser eigentlich? Und wieso sind sie heute noch bedeutend?

 Fachwerkhäuser machen den Charme historischer Stadtzentren aus.

Fachwerkhäuser machen den Charme historischer Stadtzentren aus.

Foto: oljamu - pixabay.com/oljamu

Wie sieht ein Fachwerkhaus aus?

Die historischen Fachwerkhäuser sind an den senkrechten und waagrechten Holzbalken zu erkennen. Diese Holzbalken tragen das Haus und bilden sozusagen das Skelett. Traditionell wurden hierfür Fichte oder Eiche verwendet. Aber auch andere Baumarten sind stabil genug, um ein Fachwerkhaus zu stützen. Die Leerräume zwischen den Balken können mit unterschiedlichen Materialien gefüllt werden. Das kann zum Beispiel Lehm oder ein Holzgeflecht sein. Der Lehm ist es auch, der für ein angenehmes Raumklima sorgt. Dieses Baumaterial speichert die Wärme der Sonne. Auf diese Weise wird es im Fachwerkhaus selbst an warmen Sommertagen nicht zu heiß. Nachts wirkt die gespeicherte Wärme im Lehm als eine natürliche Dämmung. So kühlen die Innenräume während der Nacht nicht aus.

Als das Fachwerkhaus im Mittelalter entstand

In Deutschland findet die Fachwerktechnik seit dem 12. Jahrhundert Anwendung. Die Materialien für diese Bauweise waren leicht zu beschaffen. Schließlich gibt es in Mitteleuropa zahlreiche Wälder, aus denen das Holz für die Fachwerkhäuser geschlagen wurde. Auch der Lehm konnte in Mitteleuropa leicht angemischt werden und teilweise direkt aus der Baugrube entnommen werden. Als ältestes Fachwerkhaus in Deutschland gilt der 1276 errichtete Bau in der Göttinger Altstadt. Dies fanden Forscher in den Siebzigerjahren mithilfe der Dendrochronologie heraus. Diese Methode dient der Altersbestimmung von Bäumen sowie von verarbeitetem Holz. Im späten Mittelalter bildeten sich in verschiedenen Regionen unterschiedliche Fachwerkstile heraus. So unterscheidet man zwischen dem alemannischen, fränkischen und niedersächsischen Fachwerk. Sie unterscheiden sich in der Anordnung der schrägen Hölzer sowie in den Bemalungen, Inschriften und geschnitzten Reliefs.

Fachwerkhäuser als Sehenswürdigkeiten

Heute werden die Fachwerkhäuser gerne von Kulturtouristen besichtigt. Vor allem entlang der Deutschen Fachwerkstraße befinden sich unzählige historische Fachwerkhäuser. Die Straße mit diesen Sehenswürdigkeiten führt über Niedersachsen, Sachsen, Hessen und Thüringen bis nach Bayern und Baden-Württemberg. Doch auch außerhalb von Deutschland gehören Fachwerkhäuser zur Bautradition. Schließlich ließ sich die Fachwerktechnik in allen waldreichen Regionen Mitteleuropas leicht realisieren. In Frankreich sind die Fachwerkhäuser in und um Straßburg auch heute noch gut erhalten. Ebenso stößt man in der Schweiz, Tschechien und den Benelux-Ländern auf Fachwerkbauten. Vereinzelt taucht diese Bauweise auch im Baskenland, Polen und England auf.

Die Modernisierung der Fachwerkhäuser

Nach dem Mittelalter entwickelten sich die Gestaltungsformen immer kreativer weiter. So wurden die Fachwerkhäuser zwischen dem 16. Und dem 18. Jahrhundert mit den unterschiedlichsten Verzierungen ausgestattet. Im 19. Jahrhundert ging der Fachwerkbau aufgrund der Industrialisierung zurück. Nun setzte man vermehrt auf Metall statt auf Holz. Dennoch verschwanden die fürs Fachwerk typischen Balken nicht aus den Stadtfassaden. So besann man sich in der Romantik auf vergangene Traditionen und baute massive Häuser mit fachwerkähnlichen Zierelementen. Außerdem entstand im 19. Jahrhundert das technische Fachwerk. In diesem Stil verbinden sich die Quer- und Senkrechtbalken mit einem Ziegelgefache zu einer industriellen Gestaltung, die auf der althergebrachten Fachwerktechnik beruht.

Historische Fachwerkhäuser heute

Heutzutage wird das Interesse an den fast vergessenen Fachwerkhäusern wieder größer. Besonders der natürliche Baustoff Holz und die Wärmespeicherung der Wände überzeugen immer mehr Menschen von der traditionellen Bauweise. In diesem Sinne werden alte Fachwerkhäuser saniert und an die Bedürfnisse der heutigen Bewohner angepasst. An Ideen für die Modernisierung mangelt es nicht, denn die Anzahl der Innovationen in der Architektur-Branche steigt jährlich an. Die historischen Gemäuer lassen sich großzügig und lichtdurchflutet gestalten. Außerdem kann der Zugang zum Fachwerkhaus barrierefrei gestaltet werden.

Das Fachwerkhaus sanieren: Das ist zu beachten

Wer ein Fachwerkhaus saniert, sollte aber keinesfalls eins zu eins dieselben Materialien wie für einen Neubau verwenden. Denn die Kombination aus Holz und Lehmausfachung sorgen für beste Dämmwerte und einen guten Feuchtigkeitsaustausch. Styropor und Mineralwolle beeinträchtigen diese Eigenschaften der Fachwerkhäuser. Sie behindern den Feuchteaustausch, was zu Schimmel in den Innenräumen führen könnte. Wer Holzbalken austauscht, sollte unbedingt altes Holz verwenden. Denn dieses ist lange getrocknet und gibt keine zusätzliche Feuchtigkeit ab. Außerdem interessieren sich Insekten nur für junges Holz – alte Holzbalken lassen sie in Ruhe.

Fazit

In Deutschland wurden schon im Mittelalter Fachwerkhäuser gebaut. Diese gelten heute als bedeutende Sehenswürdigkeiten. In der Neuzeit vermischte sich der Fachwerkstil mit industriellen Bauweisen. Heute sind Fachwerkhäuser vor allem wegen ihrem optimalen Feuchtigkeitsaustausch und der Wärmespeicherung beliebt.

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