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Seelisch krank: Sechs Monate ohne Hilfe

Seelisch krank: Sechs Monate ohne Hilfe

Die Zahl der Betroffenen steigt dramatisch. Doch die Psychotherapeuten können den Ansturm nicht bewältigen.

Düsseldorf. Wer in Deutschland an einer psychischen Erkrankung leidet, muss oft monatelang auf Hilfe warten. Nach einer aktuellen Studie der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) dauert es im Schnitt drei Monate, bis überhaupt ein erstes Gespräch mit einem Therapeuten erfolgen kann.

Dann vergingen durchschnittlich weitere drei Monate, bis die Therapie genehmigt sei und beginnen könne.

„Ein unhaltbarer Zustand“, klagt der Kammerpräsident Prof. Rainer Richter aus Hamburg. „Für die Betroffenen bedeutet das eine monatelange Fortsetzung ihrer Qualen, ohne dass ihnen geholfen wird.“

Und nicht nur das: Oft führe die lange Wartezeit zu einer Verschärfung der Krankheit. Richter fordert ein erstes Gespräch binnen drei Wochen, um insbesondere bei akuten Fällen schneller reagieren zu können.

Solche Wartezeiten sind in der Region nur Wunschdenken. Nach Kammerangaben sind Betroffene in Düsseldorf mit durchschnittlich knapp über neun Wochen Wartezeit noch in einer relativ guten Position. In einigen Praxen kann es aber auch ein Jahr und länger bis zum Erstgespräch dauern.

Die Folgen können gravierend sein, erklärt der Düsseldorfer Psychotherapeut Andreas oljan: „Depressionen werden tiefer, Ängste breiten sich aus. Dazu kommen psychisch bedingte körperliche Leiden.“

Die Patienten seien oft schon chronisch krank, wenn sie zur Therapie kämen. Dies mache eine Behandlung nicht nur schwieriger, sondern auch teurer. Zudem drohen längere Krankschreibungen oder gar eine Arbeitsunfähigkeit des Betroffenen.

Die Ursachen für die langen Wartezeiten liegen laut Kammer in einer falschen Bedarfsplanung. Sie sei nicht seriös berechnet und orientiere sich an Zahlen von 1999, obwohl die Zahl der psychischen Erkrankungen seit Jahren steigt — laut DAK-Gesundheitsreport in NRW allein 2010 um zwölf Prozent.

In Düsseldorf hat die Zahl der Krankmeldungen wegen psychischer Ursachen im Vergleich zum Vorjahr sogar um mehr als 30 Prozent zugenommen.