Welche Klinik soll es sein?: Patienten haben Recht auf freie Krankenhauswahl

Welche Klinik soll es sein? : Patienten haben Recht auf freie Krankenhauswahl

Gesetzlich Krankenversicherte dürfen grundsätzlich selbst entscheiden, in welches Krankenhaus sie gehen. In Notfällen gilt das ohnehin, aber auch bei geplanten Eingriffen oder Behandlungen.

Hier trägt der behandelnde Arzt auf der Einweisung zwar eins oder mehrere Krankenhäuser in der Nähe ein. Die Angabe ist aber nicht bindend, erklärt Christoph Kranich von der Verbraucherzentrale Hamburg.

Welche Klinik ist zugelassen?

Voraussetzung für eine Kostenübernahme durch die Krankenkasse ist lediglich, dass es sich um ein zugelassenes Krankenhaus handelt. Nach Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit sind das alle Hochschulkliniken, alle Kliniken im Krankenhausplan eines Landes und alle Häuser, mit denen die Krankenkassen einen Versorgungsplan abgeschlossen haben. Erfüllt eine Privatklinik keine dieser Voraussetzungen, dürfen sich gesetzlich Versicherte hier nur im Notfall behandeln lassen.

Zudem übernehmen die Kassen keine Mehrkosten, die durch die Wahl einer anderen Klinik entstehen - zusätzliche Fahrkosten zum Beispiel oder Kosten für zusätzliche Therapieangebote. Verbraucherschützer Kranich empfiehlt Patienten daher, im Zweifelsfall bei der Krankenkasse nachzufragen.

Denn in Einzelfällen kann es durchaus Streit um die Kostenübernahme geben: Etwa wenn Patienten mit dem Krankenhaus auch das Bundesland wechseln. Oder wenn das neue Krankenhaus gleichzeitig Kur- oder Rehaklinik ist. Denn für die Wahl solcher Häuser gelten je nach Patient und Krankheit eventuell andere Regeln. Hier sollten sich Verbraucher vorher absichern, um böse Überraschungen zu vermeiden.

Vorschlag der Bertelsmann-Studie

Mehr als jedes zweite Krankenhaus in Deutschland sollte nach Ansicht von Fachleuten geschlossen werden, damit die Versorgung der Patienten verbessert werden kann.

Von den derzeit knapp 1400 Krankenhäusern sollten nur deutlich weniger als 600 größere und bessere Kliniken erhalten bleiben, heißt es in einer Untersuchung der Bertelsmann Stiftung. Sie könnten dann mehr Personal und eine bessere Ausstattung erhalten.

„Nur Kliniken mit größeren Fachabteilungen und mehr Patienten haben genügend Erfahrung für eine sichere Behandlung“, betonen die Autoren der Studie. Viele Komplikationen und Todesfälle ließen sich durch eine Bündelung von Ärzten und Pflegepersonal sowie Geräten in weniger Krankenhäusern vermeiden. Kleine Kliniken verfügten dagegen häufig nicht über die nötige Ausstattung und Erfahrung, um lebensbedrohliche Notfälle wie einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall angemessen behandeln zu können.

Nur in ausreichend großen Kliniken könnten Facharztstellen rund um die Uhr besetzt werden. Auch Computertomographen und andere wichtige Geräte könnten dann in allen Kliniken bereit stehen. Vor allem die Qualität der Notfallversorgung und von planbaren Operationen lasse sich so verbessern. Auch der Mangel an Pflegekräften könne so gemindert werden. „Es gibt zu wenig medizinisches Personal, um die Klinikzahl aufrecht zu erhalten“, schreibt Bertelsmann-Projektleiter Jan Böcken.

Schnell erreichbare Versorgung?

Über eine Verringerung der Zahl der Krankenhäuser wird in Deutschland seit langem diskutiert. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte kürzlich betont: „Ein Krankenhaus vor Ort ist für viele Bürger ein Stück Heimat.“ Gerade in gesundheitlichen Notlagen brauche es eine schnell erreichbare Versorgung. Krankenhäuser in ländlichen Regionen erhalten von den Krankenkassen künftig extra Geld. Vorgesehen sind im nächsten Jahr Finanzspritzen für 120 Kliniken von jeweils 400.000 Euro und damit insgesamt 48 Millionen Euro.

In der Bertelsmann-Studie heißt es dagegen, die schnelle Erreichbarkeit eines kleinen Krankenhauses sei nur ein vermeintlicher Vorteil. Wenn dort kein Facharzt verfügbar sei, habe die Klinik einen gravierenden Qualitätsnachteil. Eine Fallstudie für die Region Köln/Leverkusen und den angrenzenden ländlichen Raum habe gezeigt, dass Patienten dort bei einer Verringerung der Zahl der Kliniken von 38 auf 14 im Durchschnitt keine viel längeren Fahrzeiten in Kauf nehmen müssten.

Kliniken schreiben rote Zahlen

Die finanzielle Lage vieler Krankenhäuser in Deutschland ist prekär. Nach jüngsten Zahlen der Deutschen Krankenhausgesellschaft hat jede dritte Klinik 2017 rote Zahlen geschrieben. Die sogenannten Rationalisierungsreserven seien mittlerweile ausgeschöpft, hatte die Krankenhausgesellschaft erklärt.

Die Autoren der Bertelsmann-Studie schlagen einen zweistufigen Aufbau einer neuen Krankenhausstruktur vor. Neben Versorgungskrankenhäusern mit durchschnittlich gut 600 Betten soll es etwa 50 Unikliniken und andere Maximalversorger mit im Schnitt 1300 Betten geben. Aktuell hat ein Drittel der deutschen Krankenhäuser weniger als 100 Betten. Die Durchschnittsgröße der Kliniken liege bei unter 300 Betten.

Nach Ansicht der Wissenschaftler kommen in Deutschland zu viele Menschen ins Krankenhaus. Etwa fünf Millionen Patienten pro Jahr könnten genauso gut ambulant behandelt oder operiert werden. Die Zahl der Krankenhausfälle ließe sich so bis 2030 auf 14 Millionen in Jahr senken. Die Forscher verwiesen darauf, dass die Zahl der sogenannten Bettentage pro Einwohner in Deutschland um 70 Prozent über dem Durchschnitt der vergleichbaren EU-Länder liege.

Krankenhausgesellschaft spricht sich für Wohnortnähe aus

Solche Vorschläge seien das exakte Gegenteil dessen, was die
Kommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse“ für die ländlichen
Räume gefordert habe. Die Krankenhausgesellschaft widerspricht der
Einschätzung der Studie, wonach durch ein Zusammenziehen von Kliniken
und eine Bündelung von Ärzten, Pflegepersonal und medizinischen
Geräten eine qualitativ bessere Versorgung erreicht werden könnte.
Diese Einschätzung sei „absolut unbelegt“. Die Qualität der
Versorgung in den Kliniken werde seit Jahren gemessen und mit wenigen
Ausnahmen werde jedes Jahr allen beteiligten Kliniken ein hohes
Niveau bestätigt.

Bei einem Großteil der Versorgung in den Krankenhäusern handele es
sich zudem um medizinische Grundversorgung, wie Geburten oder
altersbedingte Krankheitsbilder der Inneren Medizin. „Das sind
Behandlungen, die möglichst familien- und wohnortnah in erreichbaren
Krankenhäusern auch in Zukunft erbracht werden müssen“, forderte Gaß.

(dpa)
Mehr von Westdeutsche Zeitung