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Gesundheit: Wie viele Pillen sind sinnvoll?

Gesundheit: Wie viele Pillen sind sinnvoll?

Senioren nehmen am Tag oft mehr als zehn verschiedene Medikamente ein. Forscher wollen klären, ob alle gegen Altersleiden helfen.

Wuppertal. Blutdrucksenker, Blutverdünner, ein Mittel, um nachts nicht auf die Toilette zu müssen, dazu noch Herzmittel und ein Medikament, damit der Magen den Pharma-Cocktail auch verdaut: Mit steigendem Alter steigt auch der Arzneimittelkonsum. Ob dies alles den Patienten tatsächlich mehr hilft als schadet, kann niemand wirklich sagen, denn Erkenntnisse über Wechsel- und Nebenwirkungen bei älteren Menschen sind rar.

Das will Petra Thürmann ändern: Die Fachärztin für Klinische Pharmakologie und Professorin an der Uni Witten/Herdecke leitet eine Studie zum kombinierten Pillenkonsum im Alter - die erste dieser Art in Deutschland.

Anlass der vom Bundesforschungsministerium geförderten Studie ist, dass neue Wirkstoffe vor Zulassung an jungen, gesunden Menschen getestet werden. Die Wirkung auf ältere Patienten, die zudem noch weitere Medikamente einnehmen, können hingegen nur grob abgeschätzt werden.

Für die Untersuchungen werden von einem Team aus Wissenschaftlern und Ärzten bis zu 6000 ältere Menschen nach ihren Arzneimitteln und ihren Problemen damit befragt - nach Beschwerden, Nebenwirkungen, Arztbesuchen oder Klinikaufenthalten, wie Thürmann erläutert. Vor allem werde aber dokumentiert, was die Befragten alles an Medikamenten einnehmen - sowohl verschreibungspflichtige Arzneimittel als auch frei erhältliche Präparate.

Die Ärztin an den Wuppertaler Helios-Kliniken hat dabei einen Verdacht: dass viele Neben- und Wechselwirkungen für neue Erkrankungen oder alterstypische Symptome gehalten werden, die wiederum mit neuen Präparaten behandelt werden - ein Teufelskreislauf.

So könnten einige Medikamente Störungen bei der Blasenentleerung verursachen, was auch eine typische Alterserkrankung sei, erklärt Thürmann. Gleiches gelte für Arzneimittel, die die Gedächtnisleistung einschränkten. Auch hier sei es schwierig, zwischen Nebenwirkung und abnehmender Gehirnfunktion zu unterscheiden.

Erste Ergebnisse bestätigen das Team um Thürmann in ihrer These: "Wir haben aus Deutschland Daten, dass alte Menschen deutlich häufiger als junge Menschen an schwerwiegenden Nebenwirkungen leiden, die zu Klinikaufenthalten führen."

Das Problem ist auch bei der Apothekerkammer Nordrhein bekannt. Insbesondere an mehreren Krankheiten leidende Menschen erhielten von verschiedenen Fachärzten Medikamente - die Gesamtmedikation überblicke aber niemand, sagte ein Experte der Kammer. Als häufigste Nebenwirkungen eines falsch zusammengestellten Pillen-Tabletts gelten Bewusstseinsstörungen, Stürze, Schläfrigkeit und Magen-Darm-Beschwerden.

Was aber wäre die Alternative zum massenhaften Tablettenkonsum, sollte die Studie die These der Ärzten tatsächlich bestätigen? Thürmann betont, dass es sicherlich noch eine sorgfältigere Kontrolle des Medikamentenkonsums bei älteren Menschen geben müsse - dies sei vom Hausarzt, aber auch vom Apotheker zu leisten.

Die Apothekerkammer Nordrhein startete 2007 ein bundesweit einzigartiges Projekt, in dem Apotheker, die Pflegeheime mit Medikamenten beliefern, speziell geschult werden. Sie sollen zukünftig den gesamten Pillenkonsum von Heimbewohnern kontrollieren und bei Problemen die behandelnden Fachärzte informieren.

Zugleich sollte nach Ansicht von Thürmann hinterfragt werden, inwieweit Leitlinien für Therapien besser auf ein gleichzeitiges Bestehen mehrerer Krankheiten bei älteren Menschen abgestimmt werden müssten.

Denn zahlreiche Wechselwirkungen - so die Ärztin - kämen eben dadurch zustande, dass die verschiedensten Krankheiten aufeinander träfen, und die jeweiligen Medikamente sich nicht miteinander vertrügen. Der Arzt müsse dann entscheiden, welche Krankheiten nun am bedeutsamsten seien und wirklich therapiert werden müssten und auf welche Arzneimittel man eventuell verzichten kann. "Möglicherweise ergeben sich ja gerade für hochbetagte Menschen ganz andere Behandlungspräferenzen als für jüngere Menschen", betont die Professorin.