1. Ratgeber
  2. Familie & Jugend

Altersmedizin: Geriatrie hat einen ganzheitlichen Ansatz

Altersmedizin : Geriatrie hat einen ganzheitlichen Ansatz

Bei einer altersmedizinischen Behandlung arbeiten verschiedene Fachärzte Hand in Hand. Das Ziel: Der Patient soll im Alltag wieder selbstständiger werden. Kranken Senioren bringt das Vorteile.

Gesund und munter im hohen Alter? So wünschenswert das ist, so sieht die Realität vieler älterer Menschen doch anders aus. Oft plagen sie gleich mehrere, mitunter chronische Krankheiten zugleich. Blutarmut, Nierenschwäche, Osteoporose, die Liste möglicher Erkrankungen ist lang.

Um Senioren mit Mehrfach-Krankheiten das Leben so angenehm wie möglich zu machen, braucht es einen ganzheitlichen Therapieansatz. Genau darum geht es bei der geriatrischen, also altersmedizinischen, Behandlung: Geriater blicken als Spezialisten nicht nur auf bestimmte Symptome, sondern den Gesamtzustand des älteren Patienten.

„Dabei geht es um weit mehr als nur um die rein medizinische Therapie“, sagt Prof. Hans Jürgen Heppner, Chefarzt der Klinik für Geriatrie am Helios Klinikum in Schwelm (NRW) und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG).

Ein Beinbruch mit Folgen

Er nennt ein Beispiel: Ein alleinlebender Mann, mehr als 70 Jahre alt, hat vier verschiedene Krankheiten - konkret Diabetes, Arthrose, Bluthochdruck und eine Herzschwäche. Eines Tages stürzt er in seiner Wohnung und bricht sich ein Bein. Die Auswirkungen für seinen Alltag können schwerwiegend sein: Womöglich benötigt er künftig Hilfe beim Einkaufen, An- und Ausziehen oder Waschen. Mit diesem Sturz steigt auch das Risiko, dass sich ein solcher Unfall wiederholt. Weitere Folgen können Mangelernährung und schlechte Hygiene sein.

Damit es soweit erst gar nicht kommt, kann es helfen, wenn ein Geriater den Mann nach seinem Sturz behandelt. Der untersucht den Körper und erhebt die Krankengeschichte. Anschließend unterzieht sich der Patient einem sogenannten geriatrischen Assessment. Was steckt dahinter? „Dabei handelt es sich um eine Bestandsaufnahme, welche Fähigkeiten und welche Ausfälle ein Patient hat“, sagt Heppner.

Diese Bestandsaufnahme nimmt ein „multiprofessionelles“ Team vor. Neben dem Arzt gehören Vertreter des Pflegedienstes, der Physio-, der Ergo- und der Logopädie sowie des Sozialdienstes dazu.

Der individuelle Therapieplan

Diese Fachleute ermitteln über standardisierte Untersuchungen und Tests, was ein Patient mit Blick auf seine Alltagsaktivitäten kann und was nicht. „Die Ergebnisse der Bestandsaufnahme fließen in einen strukturierten individuellen Therapieplan ein“, erklärt der Geriater Michael Musolf, Chefarzt der Klinik für Geriatrie und Physikalische Medizin am Evangelischen Amalie Sieveking Krankenhaus in Hamburg sowie Vorstandsmitglied im Bundesverband Geriatrie.

In dem Plan sind neben den therapeutischen Zielen die verschiedenen Behandlungen aufgelistet. Um bei dem Fall des Mannes mit Beinbruch zu bleiben: Der Geriater will natürlich auch herausfinden, was den Sturz ausgelöst hat - um weitere Stürze zu verhindern.

Er lässt den Patienten daher unter anderem von einem Kardiologen untersuchen, um auszuloten, ob der Mann die richtigen Medikamente zur Regulierung seines Bluthochdrucks einnimmt. Ein falsch eingestellter Blutdruck kann zu Schwindel führen, der ein Hinfallen begünstigt.

Auch Orthopäden, Internisten oder Psychologen können je nach Fall zum Team eines Geriaters gehören. „Alle gemeinsam haben den Patienten im Blick und schauen, was für ihn das Beste ist“, so Heppner.

Stationär oder ambulant zu Hause

Geriatrische Behandlungen finden oft stationär statt, etwa in der Geriatrie eines Krankenhauses oder in Reha-Kliniken. Teils aber auch in Tageskliniken oder ambulant in der häuslichen Umgebung. In aller Regel muss ein Mediziner, etwa der Hausarzt, eine geriatrische Behandlung verordnen. Die Krankenkasse muss sie bewilligen.

„Ältere Patienten sollten ihren Arzt gezielt auf diese Form der Therapie ansprechen und sie auf den Weg bringen“, empfiehlt Heppner. Denn in vielen Fällen bestehen gute Aussichten, dass der erkrankte ältere Patient wenigstens einen Teil seiner früheren Selbstständigkeit wieder erlangt.

© dpa-infocom, dpa:201119-99-393596/2