Knobeln bis zum Geistesblitz - Mathe-Studenten brauchen Ausdauer

Knobeln bis zum Geistesblitz - Mathe-Studenten brauchen Ausdauer

Berlin (dpa/tmn) - Die Berufsaussichten für Mathematiker sind exzellent. Nicht nur bei Banken und Versicherungen sind die Fachkräfte gefragt. Doch vier von fünf Studenten schaffen das anspruchsvolle Studium nicht.

Marie-Sophie Litz weiß, wie es ist, tagelang an einer Aufgabe zu sitzen und einfach nicht die richtige Lösung zu finden. „Und dann ganz plötzlich hat man einen Geistesblitz, und es passt alles“, erzählt die 26-jährige Mathematik-Studentin der Freien Universität Berlin. Mathematik gilt als schweres Fach. Vier von fünf Studenten geben vor dem Abschluss auf. Das zeigt eine Studie von Günter Törner und seiner Kollegin Miriam Dieter von der Universität Duisburg-Essen. Doch wer sich auf das Studium gut vorbereitet, kann es schaffen.

Die Berufsperspektiven für Mathematiker gelten als exzellent. „Man kann von Vollbeschäftigung sprechen“, sagt Prof. Törner. Die wichtigsten Arbeitgeber sind Versicherungen, Banken und Unternehmensberatungen. Lange galt Mathe als Männerfach. Doch von den 23 970 Erstsemestern war 2012 fast jeder zweite Anfänger (48,3 Prozent) weiblich.

Damit Anfänger gut ins Studium starten, sollten sie auf jeden Fall die Vorkurse besuchen, rät Thoralf Räsch, Fachstudienberater an der Universität Bonn. Fast alle Hochschulen bieten die Vorkurse inzwischen an - sie wiederholen das Wissen aus der Oberstufe und bringen die Anfänger fachlich auf einen Wissensstand. Der eine oder andere merke dort schon, ob er sich für das richtige Fach entschieden hat, erzählt Räsch. Der Besuch lohnt sich außerdem nicht nur aus fachlicher Perspektive, erklärt Studentin Litz. Auch in sozialer Hinsicht sei der Besuch ratsam. Dort schließen Anfänger meist schon erste Freundschaften und finden sich in Übungsgruppen zusammen.

Gerade am Anfang des Studiums brauchen Studenten außerdem eine hohe Frustrationstoleranz. Mathematik an der Universität unterscheidet sich stark von der in der Schule, erklärt Jürg Kramer. Er ist Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin und Präsident der Deutschen Mathematiker-Vereinigung. „Nur weil jemand in der Schule gern gerechnet hat, heißt das noch nicht, dass er im Studium erfolgreich sein wird.“ Oft werde an Schulen ein unvollständiges Bild von Mathematik vermittelt, das sich nur auf das Richtig und Falsch beim Lösen von Aufgaben beschränke.

Die Mathematik-Vorlesungen sind um einiges komplexer. Am Anfang eine Übungsaufgabe zu verpatzen und auch nach längerem Knobeln nicht auf die Lösung zu kommen, ist normal. Davon sollten Erstsemester sich nicht entmutigen lassen.

Anfänger brauchen viel Disziplin. „Die Monate im ersten Semester bis Weihnachten sind die schlimmsten“, erzählt Räsch über das Wintersemester. In dieser Zeit gebe es die meisten Abbrecher. Das Risiko des Scheiterns bestehe vor allem, wenn Erstsemester das Studium zu Beginn schleifen lassen. Sie sollten von Anfang an versuchen, alle Übungsblätter selbst zu lösen. Mathematik sei nichts, das man lernt, indem man sich nebenbei berieseln lässt.

Außerdem halten Erstsemester besser von Anfang an ihre Notizen und Mitschriften in Ordnung und bereiten sie so auf, dass sie diese später vor den Klausuren zum Lernen nutzen können. Viele Anfänger seien schlecht organisiert, sagt Prof. Kramer. Sie stellen etwa erst kurz vor der Klausur fest, dass ihre Unterlagen unvollständig sind. Studierende sollten deshalb darauf achten, dass sie sich etwa die Aufzeichnungen von Kommilitonen borgen, wenn sie selbst einmal krank werden.

Wie viele Stunden im ersten Semester zum Studieren ideal sind, lässt sich schwer sagen. Der eine löst die Aufgaben auf einem Übungszettel in zwei Stunden, der andere brauche dafür eine Woche. 25 Stunden pro Woche sollten Studenten mindestens investieren.

Studentin Litz hat die Mathematik am Ende so sehr gereizt, dass sie nach ihrem Bachelor in Mathe und Chemie auf Lehramt auf einen Doppelmaster umgestiegen ist. Zum Lehramtsstudium ist noch reine Mathematik hinzugekommen. „Das andauernde Knobeln und die Logik dahinter - darauf hatte ich einfach richtig Lust.“ Doch auch Litz weiß, dass viele in ihrem Studienfach scheitern. „Man kann nicht alles mit Fleiß ausgleichen, ein gewisses Talent gehört dazu.“

Sie selbst weiß noch nicht, wo es nach dem Abschluss hingehen soll. „Ich fände es spannend, zu promovieren.“ Sie könne sich aber auch vorstellen, Risikoanalysen für Versicherungen zu machen. Nur das mit dem Lehramt, das steht im Moment bei ihr nicht so hoch im Kurs.

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