75 Jahre NRW : Eine sachliche Romanze

Der Norden des Rheinlandes, Westfalen und Lippe in einem Land: Würde das gut gehen? Die Briten wagten den Versuch und gründeten im Sommer 1946 Nordrhein-Westfalen. Der Beginn einer ereignisreichen Erfolgsgeschichte

Fünfundsiebzig Jahre Nordrhein-Westfalen sind eine Erfolgsgeschichte. Dennoch tut sich das Land schwer mit sich selbst. Sachsen war ein Königreich, Bayern auch und hat dazu noch die schöneren Schlösser, und Schleswig-Holstein hat so wunderbare Küsten. Das Verhältnis der Nordrhein-Westfalen zu ihrem Land gleicht einer sachlichen Romanze. Man ist eher Rheinländer, Kölner, kommt aus dem Ruhrpott oder Westfalen. Landesidentität? Ein schwieriges Thema. Konrad Beikircher konstatiert, das Land sei eine „multiple Persönlichkeit“. Gäbe es da nicht dieses „Wir in Nordrhein-Westfalen“, man könnte verzweifeln. Die Kabarettisten haben ihren Spaß. Johannes Rau sprach von den zuverlässigen Rheinländern, den leichtfüßigen Westfalen und den großzügigen Lippern.

Der Anfang? Reichlich unzeremoniell. Am 15. Juli 1946 fliegt Konrad Adenauer mit einer britischen Militärmaschine nach Berlin. Sinn und Zweck der Reise kennt er nicht. Der Chef der CDU im Rheinland und erkennbar wichtigste Politiker der sich formierenden Christdemokraten trifft auf den stellvertretenden britischen Militärgouverneur Sir Brian Robertson und auf SPD-Chef Kurt Schumacher, angereist aus Hannover. Die Botschaft, die ohne Diskussion verkündet wird: Die Briten gründen aus der ehemaligen preußischen Provinz Westfalen und dem Norden der Rheinprovinz ein neues Land: Nordrhein-Westfalen.

Zwei Tage später erfolgte die offizielle Verlautbarung der Besatzungsmacht. Am 23. August tritt das Land ins Leben, bekommt einen von den Briten ernannten Ministerpräsidenten, eine erste Regierung und wenig später nach Wahlen eine erste demokratisch legitimierte Regierung unter Karl Arnold (CDU). 1947 kommt der Landesteil Lippe dazu.

Die Gründung lief im Militärverwaltungs-Apparat der Briten unter dem Codewort „Operation Marriage“. Von Liebe zwischen Rheinländern und Westfalen war jedoch von Beginn an nicht die Rede. Zwar gab es schon lange enge Bezüge zwischen den beiden Regionen, vor allem die Industrielandschaft an der Ruhr gehörte zu beiden Landesteilen. Schon in den 1920er und 30er Jahren gab es Debatten um die Vereinigung der Landesteile. Doch in Westfalen hatte man auf ein eigenes Bundesland gehofft, gerne ergänzt um Gebiete Niedersachsens. Im Rheinland schaute man nach Süden, wo hinter Bonn jetzt eine Grenze verlief: Die südliche Rheinprovinz gehörte fortan zur französischen Besatzungszone und bald zu Rheinland-Pfalz.

Das neue Land war dennoch ein echter Erfolg. Bonn wurde Bundeshauptstadt, und die Kombination von Stadt und Land erwies sich als vorteilhaft. Sehr rasch entwickelte NRW sich zum Zugpferd des Wirtschaftswunders, Kohle und Stahl brachten die Bundesrepublik wieder nach vorn. Es entstand das neben Bayern bedeutendste Land der Bundesrepublik. Ohne NRW und seine Geschichte gäbe es die europäische Einigung nicht. Ohne NRW geht im Bund nichts und jeder Ministerpräsident ist so stark, dass er auch in Bonn oder in Berlin regieren könnte – wenn er oder sie es denn will.

Das Land erlebte einen kurzen und fulminanten Aufstieg und schlägt sich doch seit Ende der 1950er Jahre mit einem permanenten Strukturwandel herum. Kohle und Stahl gerieten in die Krise, die Textilindustrie verschwand. Als nächstes naht der Abschied von der Braunkohle. Mit hohem Aufwand, viel Engagement und wechselndem Erfolg hat das Land die Herausforderungen gemeistert. Während die Regionen in Ostwestfalen, im Münster- und im Siegerland oder am Rhein florieren, sieht es an der Ruhr nach einem längeren Marsch aus. Die Menschen haben gelernt, sich auf neue Situationen einzustellen. Das ist eine gute Mitgift für die Globalisierung und für die Digitalisierung, die aktuell Wirtschaft und Menschen beschäftigen.

Die einen beklagen den Mangel an Landesidentität, an traditioneller Heimatliebe und Bodenständigkeit. Andere sehen darin eine große Stärke. Nordrhein-Westfalen war immer offen für Menschen, die nicht im Land geboren sind. Wie kaum eine andere Region ist NRW geprägt von verschiedenen Kulturen, die hier meist friedlich zusammenleben. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert kamen Arbeiter aus dem preußischen Osten, aus Masuren und Westpreußen. Dann kamen die Gastarbeiter aus Italien, Griechenland oder der Türkei. Es folgten die Russlanddeutschen und in neuester Zeit die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und aus Afrika. Das sind nur die großen Gruppen. Weil die Hürden in Form von Dialekt oder regionaler Prägung nicht sonderlich hoch liegen, fühlen sich gerade die Zugereisten besonders wohl hier und machen das Land stark. Wie wenige andere Regionen ist Nordrhein-Westfalen attraktiv für gut ausgebildete Menschen aus aller Welt. Düsseldorf, Köln oder auch Bonn profitieren besonders davon.

Und die Identität? Lipper, Rheinländer und Westfalen haben sich arrangiert. Ihre Gegensätze beschäftigen allenfalls noch die Kabarettisten. Das Land ist nach wie vor wirtschaftlich so stark, dass es in Europa auch eigenständig existieren könnte, es bleibt die Bundesrepublik im Kleinen. Die Menschen leben gerne hier, weil das Land es allen leicht macht. Das bleibt eine sachliche Romanze, aber eine sehr dauerhafte.