Wolfgang Schäuble – der Pflichtmensch in Angela Merkels Kabinett

Wolfgang Schäuble – der Pflichtmensch in Angela Merkels Kabinett

Der Bundesfinanzminister ist gesundheitlich angeschlagen. Aber er schont sich nicht. Zu viele wichtige Probleme müssen gelöst werden.

Berlin. Er ist der starke Mann in Angela Merkels Kabinett: Mit Wolfgang Schäuble als Bundesfinanzminister hatte die CDU-Vorsitzende nach der Wahl 2009 ihren erfahrensten Parteifreund zum obersten Kassenwart der Nation gemacht. Derzeit ist der 67-Jährige an vielen Fronten gefordert: Griechenland steht kurz vor dem Bankrott, die deutschen Staatsschulden sind auf Rekordniveau geklettert, auch die Nettoneuverschuldung ist noch nie so hoch gewesen.

Schäuble ist der Mann, der den Karren aus dem Dreck ziehen muss. Doch dem 67-Jährigen geht es augenblicklich gar nicht gut: Im Februar musste er sich einer Operation im Krankenhaus unterziehen. Ein Routineeingriff bei einem Querschnittsgelähmten, hieß es. Schäuble, den es bereits nach seinem schweren Attentat 1990 nach nur sechs Wochen wieder an den Schreibtisch getrieben hatte, verließ jetzt gegen den Rat seiner Ärzte das Krankenbett zu früh. Die Wunde platzte wieder auf. Nun muss er fest liegen und führt die Amtsgeschäfte vom Bett aus.

Wer Schäuble während seines Auftritts an der Seite der französischen Finanzministerin Christine Lagarde vor zwei Wochen in Berlin erlebte, zeigte sich besorgt über seinen Gesundheitszustand. Ohnehin ist er durch seine Behinderung rund um die Uhr auf Betreuung angewiesen, schont sich aber in keiner Weise. Anfang Februar nahm er selbst am G8-Finanzministertreffen in Kanada teil, wo die Regierung die Begegnung an den Polarkreis verlegt hatte - bei wahrlich unwirtlichen Temperaturen.

Doch ein Leben ohne Politik kann sich Schäuble nicht vorstellen. Seit 1972 sitzt der gebürtige Alemanne aus Freiburg im Bundestag. Noch bevor er der "Architekt der deutschen Einheit" wurde, spielte er schon in den ersten schwarz-gelben Kabinetten von Helmut Kohl eine wichtige Rolle. Nach dessen Wahlniederlage 1998 wurde er Oppositionsführer, bis seine Karriere durch die CDU-Spendenaffäre erst einmal ein jähes Ende fand. Mit der Kanzlerin hat er sich trotz etlicher persönlicher Enttäuschungen arrangiert.

Derzeit lässt Schäuble keine Gelegenheit aus, auf die Einhaltung der Schuldenbremse zu pochen. Das sei schließlich nicht irgendein Gesetz, sondern im Grundgesetz verankert worden, sagt er. Schäuble hat sich immer auch als Vordenker begriffen. In seinen Bundestagsreden beschreibt er gern die großen Linien der Finanzpolitik, wird aber nie konkret. In der Griechenland-Krise skizzierte er die Idee eines Europäischen Währungsfonds, was die Kanzlerin später aufnahm.

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