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Wie Mursi das Urlaubsland Ägypten verändert

Wie Mursi das Urlaubsland Ägypten verändert

Übergriffe auf Frauen nehmen zu — Touristen reagieren geschockt auf die neue Lage.

Kairo/Hurghada. Es passierte auf der Fahrt von der Hauptstadt Kairo in die Touristenhochburg Scharm el Sheik: Katja Straniero war die einzige Europäerin im Bus, allein unterwegs. Plötzlich begannen Jugendliche sie zu belästigen und unsittlich zu berühren. „Die Leute im Bus ignorierten das oder feuerten die Täter auch noch an“, berichtet sie.

Ein Schock für die Deutsche, die seit 2010 im Land lebt, mit einem Ägypter verheiratet ist und in der Tourismusbranche arbeitet. Seit dem Sturz Mubaraks und dem Beginn der Herrschaft der Muslimbrüder Mohammed Mursis habe sich viel verändert: „Beleidigungen, Beschimpfungen und Belästigungen sind mittlerweile an der Tagesordnung — vor allem europäischen Frauen gegenüber“, berichtet Straniero. Sie gehe kaum noch ohne die Begleitung ihres Mannes aus dem Haus.

Die Revolution war für viele Frauen in Ägypten zunächst ein Triumph der Gleichberechtigung. Doch zwei Jahre danach hat sich ihre Lage komplett gedreht: Sexuelle Übergriffe sind vielerorts an der Tagesordnung, in vielen Regionen terrorisieren die sogenannten Tugendwächter der islamistischen Muslimbrüder die Straßen, während die Polizei meist nur passiv zusieht, berichten Frauenrechtsgruppen.

Das Ausmaß der Radikalität kann je nach Landesteil sehr unterschiedlich ausfallen. Relativ ruhig ist es noch in Hurghada, der Taucherstadt am Roten Meer: „Richtig unsicher fühlt man sich hier als europäische Frau nicht“, berichtet Nadine Rigöl, die für eine Tauchschule arbeitet. Jedoch achtet die 20-Jährige noch mehr auf ihr Auftreten in der Öffentlichkeit: keine provokante Kleidung, kein starkes Make-up. Zugleich sei aber das Misstrauen gestiegen, nachdem sich das früher allgegenwärtige Militär aus der Stadt zurückgezogen habe und auch die Polizei nur noch selten zu sehen ist. Folge: „Beängstigend sind die Jugendlichen, die sich mittlerweile auch in Hurghada immer mehr herausnehmen.“

Überall sei der Islamismus auf dem Vormarsch — wenn auch in den Touristenzentren vorsichtiger. „Es sind mehr Muslimbrüder bei öffentlichen Versammlungen zu sehen und sie versuchen, ihre religiösen Vorstellungen in den Alltag zu integrieren“, beobachtet die 20-Jährige. Doch gingen die Islamisten in den Urlaubsregionen achtsam vor: „80 Prozent der Ägypter wissen, dass eine Radikalisierung zulasten der Einnahmen aus dem Tourismus geht.“ Straniero sieht dennoch immer mehr Frauen in Burka, und selbst Europäerinnen griffen zum Kopftuch.

Während Stammgäste mit Erfahrung in Arabien auch weiterhin regelmäßig kommen, erschreckt die Lage viele, die das erste Mal in Ägypten sind. Den Satz „Ich war das erste und das letzte Mal in hier“ hört Straniero immer häufiger. Nach erneuten Krawallen in Port Said riet das Auswärtige Amt deutschen Staatsbürgern, die sich in Ägypten aufhalten, zur Vorsicht.

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