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Was will Norbert Röttgen?

CDU-Vorsitz : Was will Norbert Röttgen?

Norbert Röttgen will CDU-Vorsitzender werden. Aber auch Kanzler? In der Düsseldorfer Arena wirkte er selbstbewusst – aber auch zögerlich.

. Auf jedem der runden Tische, an denen die etwa 500 geladenen Gäste in diesem sehr eigenwilligen „Restaurant“ Platz genommen haben, steht ein Globus. Eine Anspielung auf den Gast an diesem Abend beim Ständehaustreff, der wegen Corona schon zum zweiten Mal in die luftige Düsseldorfer Merkur-Spiel-Arena verlegt wurde. Nachdem RP-Chefredakteur Moritz Döbler Ende August auf dem abgedeckten Rasen des überdachten Stadions einen vor Selbstbewusstsein strotzenden Friedrich Merz interviewt hatte, ist nun Norbert Röttgen an der Reihe. Der Kandidat, der sich wie Merz und Armin Laschet Anfang Dezember bei 1001 Delegierten der CDU um den Parteivorsitz bewirbt und damit dann auch als nächster Bundeskanzler in Frage kommt. Theoretisch.

Der Globus auf dem Tisch,
der Welterklärer auf der Bühne

Und praktisch? Na, da kommt der Globus ins Spiel und die Qualifikation, die Röttgen für sich reklamiert. Der 55-Jährige, den Döbler als „einen der profiliertesten Außenpolitiker Deutschlands“ vorstellt, traut sich wohl zu, das Land durch politische Untiefen zu steuern. Das wird deutlich, als er den Gästen die Welt und die Herausforderungen der Globalisierung erklärt. Daher auch die Globen auf den Tischen.

  Röttgen sprach beim Ständehaustreff in der Düsseldorfer Arena.
Röttgen sprach beim Ständehaustreff in der Düsseldorfer Arena. Foto: Peter Kurz

Natürlich geht der Blick da zunächst in die USA. Ja, er habe sich das Fernsehduell zwischen Donald Trump und Joe Biden angesehen. „Traurig und abgestoßen“ sei er gewesen – wie da zwei Männer, die sich um das mächtigste Amt der Welt bewerben, nicht in der Lage seien, „dass nur eine einzige Frage auch nur halbwegs sachlich diskutiert wird“. Wenn sich Hass und Aggression im politischen System und in der amerikanischen Bevölkerung weiter fortsetzten, dann sei das nicht nur dramatisch für dieses Land, sondern bedeute auch die Erosion der internationalen Führungsfähigkeit der USA.

Für den Fall eines erneuten Wahlsieges von Trump im November hat Röttgen eine düstere Prognose: „Dann kann er ja danach nicht noch einmal gewählt werden, das heißt, er ist in der Entfaltung seiner Person vollkommen ungehemmt. Wir werden dann eine Steigerung alles Bisherigen sehen, insbesondere eine Steigerung der völligen Unberechenbarkeit. Dann ist nichts sicher und alles möglich.“

Wenn dagegen Joe Biden US-Präsident werde, so würden Rationalität und partnerschaftlicher Geist zurückkehren. Aber das heiße nicht „Gute alte Zeit“. Die USA würden dann mit klarer Erwartungshaltung auf Deutschland und Europa zutreten: mehr zu tun mit Blick auf die eigenen Sicherheitsinteressen etwa gegenüber Russland und Nahost. Röttgen erklärt seinem Gesprächspartner, dass man in der Außenpolitik nicht gegenüber jedem Land die gleichen Maßstäbe ansetzen dürfe („keine 08/15-Maßstäbe“), sondern dabei immer auch die Interessen des eigenen Landes eine Rolle spielen. Gewaltpolitik müsse man aggressiv entgegentreten. Und gegen die Erdgasleitung Nordstream 2 sei er auch schon vor dem Fall des vergifteten russischen Oppositionspolitikers Alexej Nawalny gewesen.

Außenpolitische Kompetenz, die Röttgen sich selbst zutraut, ist das eine. Sie umzusetzen, das andere, dafür braucht man politische Macht. Vielleicht als Bundeskanzler? Der Weg führt freilich über einen Sieg bei der CDU-Kampfabstimmung beim Parteitag im Dezember. Dass er im Rennen gegen Laschet und Merz nur Außenseiter sei, davon will Röttgen nichts wissen. In den Wochen nach der Sommerpause habe er aufgeholt, man sei „auf Augenhöhe“, analysiert er.

Aber wäre er dann auch der richtige Mann, sich gegen CSU-Chef Markus Söder im Unionsrennen um die Kanzlerkandidatur durchzusetzen? „Ich kandidiere zunächst als Vorsitzender der CDU“, sagt Röttgen. Das ist für mich nicht das Vehikel, um das andere Amt zu bekommen.“ Will er also gar nicht Kanzler werden? So will Röttgen das auch wieder nicht verstanden wissen. Es gehöre zum Anspruch des CDU-Vorsitzenden, sich das Amt zuzutrauen und es zu wollen.

Na, und tut er das?, fragen sich die Zuhörer. Bekommen aber immer noch nicht sofort die Antwort. „Ich glaube eine Vorstellung von dem Amt zu haben, ich war ja schon Mitglied der Bundesregierung“, sagt Röttgen. Ein kleiner Seitenhieb auf seine Gegenkandidaten Merz und Laschet, die bekanntlich noch nicht so weit oben waren. Von 2009 bis 2012 war Röttgen Bundesumweltminister, wurde dann aber von Kanzlerin Merkel entlassen. Kurz nach seiner deutlichen Niederlage bei der NRW-Landtagswahl als Spitzenkandidat der NRW-CDU gegen Hannelore Kraft (SPD). Ja, und jetzt, Kanzler oder doch nicht? Röttgen sagt es etwas schwurbelig; „Ich habe mich durchgerungen zu der Einschätzung: Ich traue es mir zu. Ich will es.“

Aber er schränkt dann auch gleich wieder ein: „Es geht nicht um mich. Am Ende zählt die Bestaufstellung, die Wahlen zu gewinnen, dem ordne ich mich ein, dem ordne ich mich unter.“ Nein, nein, das sei jetzt keine Vorwegnahme, wie die Bestaufstellung aussieht, beeilt sich Röttgen hinzuzufügen. Und doch klingt es ein bisschen so, dass er gern Parteichef werden wollte, für die Kanzlerkandidatur dann aber doch jemand anderem den Vortritt lassen könnte. CSU-Chef Markus Söder vielleicht? Der habe sich flexibel gezeigt, anpassungsfähig und lernfähig, lobt Röttgen. Er habe die CSU entpolarisiert. Bemerkenswert an dieser Aussage ist, dass Röttgen kurz vor dieser Bewertung, eher abstrakt, gesagt hat: „Nicht der Stärkste, sondern der Flexibelste setzt sich durch“.

Vielleicht, so lässt sich all das interpretieren, würde Röttgen ja ein Außenministerposten unter Bundeskanzler Söder gefallen. CDU-Chef und Außenminister – das wäre doch auch schon was. Denkt man, wenn man ihm so zuhört. Er weist das freilich zurück. Auf die Frage, ob er vielleicht nur kandidiere, um einen Ministerposten zu bekommen, sagt er: „Ein solches Denken liegt mir völlig fern.“

Und wie steht Röttgen zu seinen Konkurrenten in dem Rennen um den Parteivorsitz? Über Friedrich Merz sagt er: „Wir haben ein wirklich gutes Verhältnis wechselseitiger Wertschätzung.“ Und mit Armin Laschet habe er „eine Basis, die schon lange zurückreicht“. Parteifreunde.