Warum bei Merkel sogar das Schweigen ein Machtwort ist

Warum bei Merkel sogar das Schweigen ein Machtwort ist

Angela Merkel lässt sich nicht auf den Parteienstreit ein. Von Franz Müntefering erntet sie dafür nur ein missmutiges Brummen.

Berlin. Sendungen, bei denen sie eingeblendet wird, auch wenn sie gerade nicht redet, sind für Angela Merkel "die gefährlichsten". Die Kanzlerin zählt sich zu jenen Menschen, "denen man ansieht, was sie gerade denken". So wie in der Talk-Show "Anne Will", als ein Film eingespielt wird, in dem Passanten nach Helmut Kohl und Gerhard Schröder befragt wurden.

Zu beiden fiel ihnen viel ein - zu Schröder das Unwort seiner Kanzlerschaft ("Basta") -, zu Merkel jedoch meist ratloses Schweigen. Ihr Gesicht wird dabei eingeblendet, und man kann darin lesen, wie sehr der Vorwurf der Führungsschwäche sie ärgert. Dabei habe jeder bloß seine eigene Art, "zurückzuschlagen", meint sie. "Schweigen kann’s auch mal sein."

Es stellte sich heraus, dass die Kanzlerin Schweigen in allen Nuancen beherrscht: Das Schweigen der Vertrautheit, der Erschöpfung, der Provokation, der Komplizenschaft, das missbilligende Schweigen. Schweigen habe auch etwas Vornehmes. "Auf jeden Fall kann", verriet Merkel, "sogar ein Schweigen ein Machtwort sein."

So versteht man erst, warum sie zuletzt zu den Streitigkeiten in der Koalition geschwiegen hat; und sich nur auf Wills Drängen einen Satz zu Herausforderer Frank-Walter Steinmeier ("nicht so viel rummosern") abringt. Merkel will sich im Wahlkampf als Kanzlerin von den Parteien abheben. Sie geht so präsidiabel vor, dass man es schon für einen "freudschen Versprecher" halten mag, dass sie sich bei "Will" als Staatsoberhaupt bezeichnet hat. Erst beim zweiten Mal bemerkt sie es.

Die Methode, über den Parteien zu stehen, ist nicht neu. Bei Johannes Rau hat sie in NRW mal funktioniert, auch bei Ole von Beust in Hamburg. Dazu gehört eine Unschärfe in Sach- und Machtfragen, so dass FDP-Chef Guido Westerwelle anderntags irritiert notiert, dass sie sich bei "Will" "schärfer mit der FDP auseinandergesetzt hat als mit den Sozialdemokraten". Merkel hat nur ein Programm: Merkel. "Ja, ich glaub schon", antwortet sie auf die Frage, ob sie die Richtige in der Krise sei.

Parteifreund Wolfgang Schäuble rät Merkel, mit dem stärksten Pfund zu wuchern: mit ihrer Authentizität. Die Kanzlerin sei "mit überdurchschnittlicher Intelligenz" gesegnet, verfüge über eine "unglaubliche Kraft" und über ein "hohes Maß an Uneitelkeit". Sie sei "überhaupt nicht abgehoben". Genau das mache sie in den Augen der Wähler "so glaubwürdig", so "vertrauenswürdig", erläutert der Innenminister.

Und so hat denn der Auftritt bei "Will" bestätigt, dass sich die Unverstellte nicht neu erfinden will. Wohl spürt sie die Erwartung, dass ihre Politik mehr erklärt werden muss, weil Wähler wie Parteifreunde mit "beredtem Schweigen" wenig anfangen können. Also hat sie in zwei Wochen gleich drei große Interviews gegeben: "Bild", "Deutschlandfunk", jetzt "Will".

Der Erfolg der Charmeoffensive ist beim Koalitionspartner mäßig. Franz Müntefering brummte am Montag im SPD-Präsidium nur einen missmutig kurzen Satz über Merkel: "Da war noch was nach dem Tatort, das war kein Krimi."

Mehr von Westdeutsche Zeitung