Umweltkatastrophe: Der Fluch des roten Giftschlamms

Umweltkatastrophe: Der Fluch des roten Giftschlamms

Nach dem Chemie-Unglück in Ungarn ist eine ganze Region auf Dauer unbewohnbar. Die Opfer stehen vor dem Nichts.

Kolontar. Hunderte Einsatzkräfte in weißen Schutzanzügen spritzen in Kolontar roten Schlamm von den Häusern und Straßen. Freiwillige Helfer verteilen Trinkwasser und Lebensmittel an die Bewohner.

Vier Tage, nachdem roter Industrieschlamm durch die Straßen strömte, bietet der kleine Ort im Westen Ungarns ein Bild der Verwüstung.

Am Speicherbecken der Bauxitfabrik im benachbarten Ajka war am Montag ein Damm gebrochen. Eine Million Kubikmeter laugehaltiger Schlamm ergossen sich über Kolontar und die anderen unter dem Becken gelegenen Ortschaften. Sieben Tote waren zu beklagen, 150 Menschen erlitten durch die Brühe Verätzungen an Haut und Augen. 40 Quadratkilometer Land sind betroffen, eine Fläche, dreimal so groß wie die Düsseldorfer Innenstadt.

Ein unangenehmer metallischer Geruch liegt in der Luft. Einst fruchtbare Mais- und Weizenfelder sehen aus wie eine Marslandschaft. Der Blick schweift über tiefrote, rissige, tote Böden. Den Rotschlamm hat die Herbstsonne zu festen Krusten getrocknet. Der Wind wirbelt Wolken roten Staubes umher.

Umweltschützer befürchten unabsehbare Langzeitfolgen. Die Organisation Greenpeace veröffentlichte Untersuchungsergebnisse. Der Rotschlamm enthält demnach Arsen und Quecksilber in einer Konzentration, die für Menschen schädlich sein kann.

Die Bewohner von Kolontar sind indes mit ihrem unmittelbaren Leid beschäftigt: mit dem Verlust ihres bescheidenen Eigentums, mit der Wut auf die mutmaßlichen Verantwortlichen im Management der Aluminiumwerke MAL AG, mit der Angst um ihre ungewisse Zukunft.

"Irgendjemand handelte hier fahrlässig", sagt eine ältere Frau. "Jeder hier ist davon überzeugt." Die Reaktion der Firmen-Manager wird als zynisch und menschenverachtend empfunden. "Der Rotschlamm ist nicht gefährlich", hatte der MAL-Geschäftsführer Zoltan Bakonyi den Geschädigten ausrichten lassen. "Nur baden sollten Sie darin nicht unbedingt."

"Und warum mussten so viele Menschen in die Kliniken, wobei viele von ihnen bleibende Schäden davontragen werden?", fragt der Bürgermeister von Ajka, Bela Schwartz. Ein Mann mit dem Vornamen Janos sagt: "Mir ist die Bauxitfabrik egal, und ich weiß nicht einmal, ob jemand konkret schuld daran hat." Es sei vielmehr die Regierung von Ministerpräsident Viktor Orban, die die Opfer noch immer im Unklaren lasse. "Selbst Orban sagte beim Besuch hier: Das ist eine tote Stadt. Und was jetzt?"

Orban hatte den Bau neuer Siedlungen versprochen, da die verseuchten Hausruinen wohl nie wieder bewohnbar sein würden. Aber er habe nicht gesagt, wann und wo, wirft ein junger Mann ein. "Man kündigt immer nur an, dass es demnächst eine Ankündigung geben werde." "Und da ist jetzt dieser rote Staub", fährt Janos fort, mit den Armen aufgeregt gestikulierend. Niemand wisse, wie giftig er für Menschen sei. Doch mit ihren bohrenden Fragen bleiben die Bewohner von Kolontar vorerst allein.

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