Twitter-Streit um zu viel Politik in der Christmette

Twitter-Streit um zu viel Politik in der Christmette

Mit einem Beitrag im Kurznachrichtendienst löst Chefredakteur Ulf Poschardt über die Weihnachtstage eine heftige Debatte aus.

Düsseldorf. Die Aufnahme zeigt die Berliner Kirche Nikolassee bei Nacht und sie ist nur mit einem Wort kommentiert: „Christmette“. Ulf Poschardt, Chefredakteur der Springer-Tochter „WeltN24“, postet das unverfängliche Bild Heiligabend um 22.42 Uhr auf Facebook. Was er dann in dem evangelischen Gottesdienst ab 23 Uhr hört, scheint ihn nicht zu erbauen. Noch in der Nacht setzt Poschardt im Kurznachrichtendienst Twitter den Tweet ab: „Wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er hat einen Abend bei den #Jusos bzw. der Grünen Jugend verbracht?“

Pfarrer in der Kirche Nikolassee in Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf ist nicht irgendwer. Steffen Reiche (57) hat noch zu DDR-Zeiten Theologie studiert, war später Landesvorsitzender der SPD Brandenburg und sowohl Wissenschafts- als auch von 1999 bis 2004 Bildungsminister in Brandenburg. Von 2005 bis 2009 gehörte er für die SPD dem Deutschen Bundestag an.

Die Christmette ist Reiches fünfter Gottesdienst an diesem Tag. Was Poschardt an Reiches Predigt stört, darüber schweigt sich der Journalist aus. Auch Reiche reagiert nicht auf die Anfrage dieser Zeitung, sein Predigtmanuskript zur Verfügung zu stellen. Dafür löst Poschardts Tweet eine heftige Debatte aus — mal eher humorvoll, mal politisch, mal nur noch diffamierend, dabei praktisch ausschließlich von Menschen geführt, die den eigentlichen Stein des Anstoßes gar nicht kennen.

Die Grünen-Vorsitzende Simone Peter meldet sich zu Wort: „Dann sollte ich tatsächlich mal wieder in eine Christmette gehen. Hört sich gut an. Und Einmischung brauchen wir mehr denn je bei #Ungleichheit, #Abschottung, #Klimakrise.“ Unterstützung erhält sie von der früheren NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne): „Schön, dass so viele Predigten die Botschaft und den Auftrag des Christentums, Nächstenliebe, Bewahrung der Schöpfung, ins Zentrum stellen! #weihnachten2017“.

Ricarda Lang, Bundessprecherin der Grünen Jugend, sagt im Interview mit „FAZ.Net“: „Für uns ist Humanität ein gesamtgesellschaftlicher Anspruch — für Ulf Poschardt scheint Nächstenliebe hingegen eine links-grün-versiffte Marotte für Jusos und Grüne Jugend zu sein.“ Daraus macht die „FAZ“-Onlineredaktion die süffisante Überschrift: „Wie ,links-grün-versifft’ sind Weihnachtspredigten?“

In diesem Fahrwasser angekommen, verliert die Debatte endgültig jedes Interesse an inhaltlichen Fragen und wird zum politischen Hau-drauf-Austausch: „Wer nichts zu Krieg und Frieden, Not und Gerechtigkeitsfragen, Hunger und Flüchtlingen hören will, sollte die Weihnachtsgottesdienste der christlichen Kirchen wohl besser meiden“, kommentiert SPD-Vize Ralf Stegner den Tweet des FDP-nahen „Welt“-Chefredakteurs.

Der hält seinen Kritikern ein bildungsbürgerliches „qed“ (quod erat demonstrandum, lat. für „was zu beweisen war“) entgegen und freut sich daran, wie sein Tweet „von einer Allianz aus #spd #grüne #justemilieu-medien zerfetzt wird“. Geadelt wird sein Einwurf noch durch den eigenen Hashtag #PoschardtEvangelium.

Irgendwann am zweiten Weihnachtstag beruhigen sich die Gemüter der Feiertagsgelangweilten wieder. Auch Poschardt retweetet abgekühlt die Publizistin Carolin Emcke: „Oh - Ich hatte den @ulfposh anders verstanden. Als (polemische) Verwunderung darüber, dass die Predigt im Gottesdienst wenig theologische, metaphysische Bezüge enthielt und allein politisch klang.“

Darüber hätte man ja mal reden können. Aber so genau will es am Ende dann doch keiner wissen.

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