1. Politik

Türkei geißelt Kritik aus dem Ausland als „Volksverhetzung“

Türkei geißelt Kritik aus dem Ausland als „Volksverhetzung“

Internationale Stars hatten Regierungschef Erdogan brutales Vorgehen gegen die Demonstranten vorgeworfen. Dieser will klagen.

Istanbul. Internationale Prominente haben dem türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan in einem offenen Brief in der britischen Zeitung „The Times“ Propaganda im Nazi-Stil vorgeworfen. Der türkische EU-Minister Egemen Bagis kritisierte das Schreiben als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und als „Volksverhetzung“, wie die Nachrichtenagentur Anadolu berichtet. Erdogan will Unterzeichner und Zeitung verklagen.

Zu den Unterzeichnern gehören unter anderem Oscar-Preisträger Sean Penn, Ben Kingsley und Susan Sarandon sowie der türkische Starpianist Fazil Say. In dem bereits am Mittwoch veröffentlichten Brief verurteilen sie das harte Vorgehen gegen friedliche Demonstranten. Obwohl durch die „unbeschreiblich brutale Gewalt“ der Polizei mehrere Menschen getötet worden seien, habe Erdogan kurz nach der Räumung des Gezi-Parks im Juni eine Massenkundgebung in Istanbul abgehalten, „die an den Reichsparteitag erinnerte“.

In dem Brief wird dem demokratisch gewählten Ministerpräsidenten außerdem eine „diktatorische Herrschaft“ vorgeworfen. „In Ihren Gefängnissen sitzen mehr Journalisten, als in denen in China und im Iran zusammengenommen“, heißt es in dem Schreiben. Erdogan nenne die Demonstranten „Marodeure“ und „Hooligans“ und unterstelle ihnen sogar, vom Ausland geführte Terroristen zu sein. Dabei wollten sie nur, dass die Türkei eine säkulare Republik bleibe.

Am Istanbuler Taksim-Platz wurde erstmals seit Wochen nicht am Samstagabend demonstriert. Wasserwerfer und starke Polizeikräfte standen bereit. In den vergangenen Wochen war es an dem Platz im Herzen Istanbuls und der Umgebung jeden Samstagabend zu regierungsfeindlichen Protesten gekommen, gegen die die Polizei meist mit großer Härte vorgegangen war.

Die inzwischen abgeflauten Proteste hatten sich Ende Mai an Plänen der Regierung entzündet, den Gezi-Park am Taksim-Platz zu bebauen. Sie richteten sich dann aber vor allem gegen den autoritären Regierungsstil Erdogans. Bei den Protesten kamen mindestens fünf Menschen ums Leben, Tausende wurden verletzt. Erdogan hatte die Demonstranten vor wenigen Tagen mit „erbärmlichen Nagetieren“ verglichen, die versuchten, Löcher in das Schiff zu nagen, das alle 76 Millionen Türken trage. dpa