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#Breitscheidplatz: Terrorexperte Tophoven: "Kein Königsweg im Anti-Terror-Kampf"

#Breitscheidplatz : Terrorexperte Tophoven: "Kein Königsweg im Anti-Terror-Kampf"

Berlin. Nach Einschätzung des Terrorismusexperten Rolf Tophoven lassen sich mit dem Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt auf besonders perfide Weise Ängste schüren. Mit dem Leiter des Essener Instituts für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik (IFTUS) sprach unser Berliner Korrespondent Stefan Vetter: F: Herr Tophoven, Sicherheitsexperten haben stets vor einer abstrakten Bedrohung gewarnt.

Hätten Sie vermutet, dass sie nun ausgerechnet bei einem Berliner Weihnachtsmarkt erschreckend konkret geworden ist?

A: Die Formulierung von der abstrakten Gefahr haben die Sicherheitsbehörden in Deutschland schon seit längerer Zeit nicht mehr gebraucht. Das heißt, man ging schon davon aus, dass es irgendwann irgendwo zu einem Anschlag kommen könnte. In welcher Form, ließ sich freilich nur in Szenarien durchspielen. Aus taktisch-operativen Anweisungen des "Islamischen Staates" wissen wir aber, dass Täter, die einen spektakulären Anschlag ausführen wollen, die Benutzung von Lkw dafür absolut ins Kalkül ziehen.

F: War in diesen Anweisungen auch von Weihnachtsmärkten die Rede?

A:
Nein. Aber grundsätzlich sind große Menschenansammlungen für Terroristen ein bevorzugtes Ziel. Und darunter fallen auch Weihnachtsmärkte. Aus zwei Gründen: Solche Anschläge legen besonders viele Emotionen frei. Gerade die friedliche Stimmung in der Vorweihnachtszeit soll damit zerstört werden. Außerdem lassen sich Angst und Panik damit auf besonders perfide Weise schüren.

F: Vorbild für das Berliner Blutbad war offenbar der Anschlag vom Sommer in Nizza. Befürchten Sie, dass dieses Beispiel nun weiter Schule macht?

A:
Das kann man nicht ausschließen, wenn man bedenkt, dass damit auch ohne Sprengstoff viele Menschen auf einen Schlag getötet werden können. Man muss nicht einmal einen Führerschein haben und kann ein Auto stehlen. Der Terror setzt hier auf eine Art hybride Kriegsführung.

F: Der Täter soll ein Flüchtling sein, der Ende 2015 nach Deutschland kam. Was ist da in der Flüchtlingspolitik schief gelaufen?

A:
Grundsätzlich ist nichts schief gelaufen. Allerdings wurde unterschätzt, dass der Flüchtlingsstrom vom IS benutzt wurde, Terroristen einzuschleusen. Wobei das im Berliner Fall noch genau zu klären wäre. Wenn man rund eine Million Flüchtlinge aufnimmt, dann kann man nicht jeden bis ins letzte Detail kontrollieren und registrieren.

F: Ist Deutschland jetzt kein sicheres Land mehr?

A:
Deutschland ist nach wie vor ein sicheres Land. Genau deshalb sollte man nicht einer gegenteiligen Propaganda auf den Leim gehen. Die Polizei jedenfalls ist gut aufgestellt. Genauso wie die Nachrichtendienste. Was den europäischen Datenaustausch unter den Sicherheitsbehörden angeht, da liegt jedoch noch manches im Argen. Klar ist allerdings auch, dass man einen Weihnachtsmarkt nicht hundertprozentig schützen kann. Millionen Fahrzeuge sind täglich unterwegs, und man kann nicht in den Kopf eines jeden Fahrers hineinschauen.

F: Wird der Terrorismus jemals gestoppt werden können?

A:
Es gibt keinen Königsweg. Man kann den Terrorismus wahrscheinlich nicht völlig besiegen. Man kann die Sicherheitsmechanismen aber so gestalten, dass die Menschen zumindest eine gefühlte Sicherheit verspüren.