Studie: Sitzenbleiben kostet viele Millionen

Studie: Sitzenbleiben kostet viele Millionen

Keine besseren Leistungen durch das Wiederholen einer Klasse.

Gütersloh/Düsseldorf. Sitzenbleiben ist teuer und unnütz. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung. Laut der Erhebung mussten im Schuljahr 2007/2008 von den bundesweit gut neun Millionen Schülerinnen und Schülern allgemeinbildender Schulen etwa eine Viertelmillion eine Klasse wiederholen - das sind 2,6 Prozent.

Alle Bundesländer zusammen geben pro Jahr für Klassenwiederholungen 931 Millionen Euro aus. Diese Kosten entstehen dadurch, dass der Schüler für das wiederholte Jahr entsprechend länger staatliche Ausbildungsleistungen in Anspruch nimmt - die Anzahl der Lehrerstellen muss entsprechend höher sein.

Allein in NRW belaufen sich die Personalkosten für Klassenwiederholungen jährlich auf 120 Millionen Euro. Nicht mitgerechnet sind die dem Staat entgehenden Steuereinnahmen - wenn man unterstellt, dass der Schüler ein Jahr früher ins Berufsleben einsteigen und Steuern zahlen würde. Ebenfalls unberücksichtigt sind die den Eltern durch das Zusatzjahr entstehenden Kosten.

Nun gibt es traditionell gute Argumente für das Sitzenbleiben: Das Nichtversetzen soll warnendes Zeichen für den Schüler sein. Schon das Risiko, eine "Ehrenrunde zu drehen", soll ihn anspornen.

Bleibt er sitzen, so kann er im Wiederholungsjahr wieder den Anschluss gewinnen. Und seine bisherigen Mitschüler profitieren auch, weil sie im folgenden Jahr im Unterrichtsstoff schneller vorankommen.

Argumente, die offenbar auch für die Mehrheit der Bevölkerung stichhaltig sind. Bei einer durch das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Jahr 2006 durchgeführten repräsentativen Befragung bezeichneten 66 Prozent das Sitzenbleiben als sinnvoll.

Die Macher der Studie halten trotzdem dagegen: Sitzenbleiben bewirke keine Verbesserung der schulischen Leistungen bei den Klassenwiederholern. Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, sagt: "Statt einer frühen schülerorientierten Förderung verschieben wir den Zeitpunkt wirksamer Unterstützung und verpassen ihn dabei."

Klassenwiederholungen sollten eine Ausnahme beispielsweise für den Fall langwieriger Erkrankungen sein. Die Milliarde, die das Sitzenbleiben jährlich koste, könne erheblich besser investiert werden. Viel sinnvoller sei es, mit dem Geld die individuelle Förderung an den Schulen voran zu bringen.

Dräger: "Jeder Schüler lernt anders. Dieser Tatsache müssen wir stärker Rechnung tragen und Konzepte zur individuellen Förderung entwickeln. Andere Länder sind auf diese Weise bei der Bildung erfolgreicher als wir."

NRW-Schulministerin Barbara Sommer (CDU) fühlt sich durch die Studie bestätigt: "Wir wissen, dass Schülerinnen und Schüler im Wiederholungsjahr nicht unbedingt besser werden. Dafür müssen sie aber ihre vertraute Klassengemeinschaft und damit auch Freunde verlassen."

Viele fühlten sich diskriminiert. Sommer verweist darauf, dass die Wiederholerquote in NRW bereits reduziert wurde: An Gymnasien sank sie von 3,9 im Schuljahr 2001/2002 auf 1,5 im vergangenen Jahr. Auch an anderen Schulformen gibt es eine ähnliche Entwicklung im genannten Zeitraum: In den Hauptschulen sank die Quote von 5,6 auf 4,7; in Realschulen von 5,8 auf 3,6; an Gesamtschulen von 1,7 auf 1,3.

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