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Stark-Watzinger: Wie wir mehr Fachkräfte ausbilden können​

Diskussion : Stark-Watzinger: Wie wir mehr Fachkräfte ausbilden können

In einer Diskussion mit der Handwerkskammer Düsseldorf sieht die Bundesbildungsministerin (FDP) auch eine problematische Noteninflation in Schulen. Helfen tue das niemandem.

Die Schilderungen sind immer ähnlich. Sanitär-, Heizungs und Klimatechnikbetriebe stöhnen über die überbordende Auftragsmenge. Betriebe bauen bis 22 Uhr in der Nacht Wärmepumpen ein, weil sie in der weltweiten Energiedebatte der Nachfrage nicht mehr Herr werden – und der Fachkräftemangel immer größer wird. „Auf den Stress folgt der ‘great exit’ - manchen Betrieben rennen die Mitarbeiter regelrecht weg angesichts des Drucks”, so ein Handwerks-Unternehmensberater gegenüber dieser Zeitung. In dieser Gemengelage hat die Handwerkskammer Düsseldorf mit der Bundesbildungsministerin Stark-Watzinger diskutiert, ob es angesichts der Herausforderungen des Handwerks nicht an der Zeit sei, die duale berufliche gegenüber der akademischen Ausbildung zu stärken.

„Das Handwerk soll für Klimaneutralität sorgen, 400 000 neue Wohnungen pro Jahr (mit) bauen und ausstatten, als Fachkräftereservoir weiterhin auch für Industrie und Verwaltung funktionieren, seine Digitalität stärken. Und in dieser extremen Nachfragesituation fehlen dem Handwerk bundesweit bis zu einer Viertelmillion Auszubildende“, sagte Handwerkskammerpräsident Ehlert. Rund 40 Prozent der Handwerksunternehmen würden Stellen besetzen, können es ob des personellen Mangels aber nicht. Ehlert rang der FDP-Bildungspolitikerin die Aussage ab, dass bei Schulabschlüssen eine neue Balance zugunsten des Fachkräftebedarfs nötig sei. „Duale und akademische Bildung sind nicht das Gleiche, aber sie sind gleichwertig“, sagte Stark-Watzinger. „Das muss deutlicher werden.“ Bei der virtuellen Podiumsveranstaltung mit Handwerksvertretern sagte sie, es gehe dabei auch darum, die beiden Bildungsschienen stärker zu verschmelzen, und „berufspraktische Könnerschaft und die Entwurfs-Kompetenz auf dem Reißbrett künftig zusammenzuführen,“ so die Ministerin. Die Berufsorientierung müsse hierfür „wesentlich früher, breiter und über alle Schulformen hinweg intensiver werden.“ Das heißt in der Praxis: Die Bildungsministerin will mehr Praxis, auch in Gymnasien. Die Liberale nennt das „Werkräume“ oder auch „Maker spaces“, immer mit Blick auf das „einzelne Talent“.

Im übrigen werde berufliche Bildung schon im sogenannten Digitalpakt vorrangig behandelt, überdies wolle die im Koalitionsprogramm angekündigten „Exzellenzinitiative Berufsbildung“ unter anderem die internationale Sichtbarkeit der Berufsausbildung und die Mobilität forcierter fördern.

Kein Geheimnis ist, dass die Handwerker die berufliche Bildung etwa durch den milliardenschweren Hochschulpakt von 2020 ins Hintertreffen geraten sehen. Die Ministerin sah das Problem, verwies aber darauf, dass die Mittelverteilung in dieser Frage in erster Linie Landessache sei.

In der Diskussion spielte die Flut von „Bestnoten im Abitur“ eine Rolle, die sowohl immer mehr Schüler an die Uni manövrierten, als auch den Unternehmen oft einen falschen Eindruck vom Bewerber vermittelten. „Der Lehrerverband hat festgestellt, dass es eine Noteninflation gibt. Damit tun wir den Schülerinnen und Schülern keinen Gefallen, wenn wir glauben, alle müssten an die Uni. Wir verschieben Entscheidungen auch nach hinten“, sagte Stark-Watzinger dazu.  Das Umsteuern allerdings sei schwierig. „Wir müssen da zu einer ehrlichen Diskussion kommen.“