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Sellafield: Als England beinahe sein Tschernobyl erlebte

Sellafield: Als England beinahe sein Tschernobyl erlebte

Vor 50 Jahren brannte der Reaktor „Windscale“. Das wahre Ausmaß des Unglücks blieb lange geheim – der Schock hätte den Ausbau der Kernenergie gefährden können.

Sellafield. Der 10. Oktober 1957 ist ein schöner, klarer Herbsttag im Nordwesten Englands. Die Meteorologen messen an der irischen See eine leichte Brise aus Nord, die im Laufe des Tages auf West dreht - und damit eine Wolke über das Land und die Nordsee treibt, deren strahlender Inhalt in den kommenden Jahren geschätzt 200 bis 300 Menschen das Leben kosten wird.

Sie stammt aus dem Schornstein des Kernreaktors Windscale. Dort kämpfen - vollkommen unbemerkt von der Außenwelt - rund 50 Techniker und Feuerwehrmänner gegen einen Brand an, der beinahe in einem atomaren Inferno geendet wäre.

Was damals tatsächlich passiert ist, weiß die Öffentlichkeit erst seit knapp 20 Jahren. Bis 1989 hielt die britische Regierung zentrale Teile des Berichts zu Windscale, das später in Sellafield umbenannt wurde, geheim.

Die Geschichte des Unfalls beginnt am Morgen des 7. Oktober mit einer Routineoperation. Unter der Aufsicht von Chefphysiker Ian Robertson wird der Reaktor, der zur Produktion von atomwaffenfähigem Plutonium genutzt wird, heruntergefahren. Der Beginn einer Prozedur, mit der überschüssige Energie aus dem Grafitblock, der die Brenn-stäbe ummantelt, entladen wird.

Nach der Abkühlung wird der Reaktor wieder hochgefahren. 330 Grad sollen erreicht werden - bei dieser Temperatur gelingt die Entladung optimal. 24 Stunden lang verläuft alles normal, doch am Vormittag des 8. Oktober beobachten die Techniker etwas Seltsames: Die Temperatur scheint nach dem Abschalten zu früh wieder zu fallen. Robertson gibt Anweisung, den Reaktor erneut hochzufahren - ein folgenschwerer Fehler.

Was sich erst später herausstellen wird: Im Grafitblock herrscht ein starkes Hitzegefälle. Während sich Robertson auf Instrumente verlässt, die ihm 250Grad vorgaukeln, herrschen in anderen Teilen über 300 Grad. Nun wird der Reaktor in den kritischen Bereich getrieben. Am Nachmittag schießen die Anzeigen über 400 Grad. Erschrocken stoppen die Techniker den Neutronenfluss - doch es ist zu spät.

Am Morgen des 10. Oktober kommt der Schock. Die Geigerzähler an der Spitze des Schornsteins schlagen aus: 30 Curie - 50 Mal höher als erlaubt! Jetzt erst wird klar: Ein Teil des Reaktorkerns brennt. Für diesen Fall gibt es keinen Notfallplan.

Zunächst scheitern alle Löschversuche: Es gelingt weder, die noch nicht brennenden Uranstäbe zu entfernen, noch das Löschen mit flüssigem CO2. Erst am Morgen des 11. Oktober startet die Feuerwehr einen verzweifelten Versuch mit Wasser - und riskiert damit eine Explosion. Doch es funktioniert: Das Wasser kühlt den Reaktorkern, die Luftkühlung kann abgestellt werden, die Flammen ersticken.

Die Öffentlichkeit erfährt nur von einem "Störfall". Bauern aus der Region dürfen keine Milch mehr verkaufen. Dass es sich um den bis dahin schwersten Atomunfall der Geschichte handelt, wird erst Jahrzehnte später klar.