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Polizei-Werbung entrüstet Lehrer – jetzt wird sie zurückgezogen

Philologenverband gegen Innenminister Reul : Polizei-Werbung entrüstet Lehrer – jetzt wird sie zurückgezogen

Die Polizei in NRW wirbt um Abiturienten – und formuliert gegen Lehrkräfte. Jetzt wird die Werbung zurückgezogen.

Die Polizei in Nordrhein-Westfalen benötigt Nachwuchs. Die Kampagne „Genau mein Fall“, mit der das Land NRW Schulabsolventen für ein duales Studium bei den Gesetzeshütern gewinnen will, ist aber für das Land als Arbeitgeber von Polizisten und zugleich auch Lehrern eher ein Schuss ins eigene Knie denn ein Volltreffer. Denn auf einem Flyer, der tausendfach in Schulen für Abiturienten ausgelegt worden ist, steht der Spruch: „Mehr Spezialkräfte als im Lehrerzimmer.“ Und diese interpretierbare Äußerung sorgt für große Aufregung.

Der Philologenverband läuft Sturm. Mit dem Spruch werde die fachliche Qualifikation der Lehrkräfte klar in Frage gestellt, sagte Sabine Mistler, Vorsitzende des Philologenverbandes NRW, der ein Lehrerverband ist. „Lehrer brauchen wie Polizisten die Unterstützung in der Öffentlichkeit. Diese Kampagne ist das genaue Gegenteil.“ Zuständig für die umstrittene Werbung ist das Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten (LAFP) der Polizei NRW.

Geworben wird um angehende Abiturienten und deren Zukunft bei der Polizei. Genau die machten mit ihren Lehrkräften allerdings ganz andere Erfahrungen, wie Mistler meint. „Es ist nicht akzeptabel, dass Teile der Landesregierung die fachliche Qualifikation von Lehrkräften für Werbezwecke in Zweifel ziehen. Lehrer sind genauso wie Polizisten Teil der Landesverwaltung NRW. Das scheint hier wohl übersehen worden zu sein.“ Zudem konterkariere die „verunglückte Kampagne die Versuche des Landes, den dringend benötigten Nachwuchs für den Lehrerberuf zu gewinnen“. Tatsächlich sucht das Land nicht nur Polizisten für höhere Laufbahnen, sondern auch Lehrer in Vielzahl, vor allem an Grundschulen.

Das zuständige Amt zieht die
umstrittene Karte jetzt zurück

Kritik kommt auch aus der Politik: Jochen Ott, Schulexperte in der SPD-Landtagsfraktion, findet den umstrittenen Spruch „mindestens misslungen“. Und: „Mit Blick auf das Lehrer-Bashing, das die Landesregierung zwischenzeitlich betreibt, ist diese Aussage leider höchst missverständlich. Ich gehe davon aus, dass die Polizei das so nicht gemeint hat. Sie sollte den Slogan aber dennoch nicht weiter verbreiten.“

Das ist seit dem Freitagnachmittag tatsächlich eingeleitet. Gegenüber dieser Zeitung erklärte ein Sprecher des Landesamts für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten der Polizei NRW mit, man werde die umstrittene Karte zurückziehen. „Um jedem falschen Anschein entgegenzuwirken, haben wir noch heute veranlasst, dass die in Rede stehende Free Card aus dem Kampagnenkonzept und aus den Auslagen der jeweiligen Schulen schnellstmöglich genommen wird.“ Verteilt wurden die Postkarten an 800 Schulen als soegannte „Free Cards“ im September an rund 800 Schulen in NRW. Das habe auch zu „vielen positive Rückmeldungen aus dem Bereich der Schulen“ geführt, sagte der Sprecher. Dennoch nehme man die Vorwürfe ernst, man habe die Botschaft neu bewertet. „Ein solches Missverständnis und jedwede Herabwürdigung waren selbstverständlich nicht von uns beabsichtigt“, sagte der Sprecher. Ziel der Werbemaßnahme sei eigentlich gewesen, „die Perspektive der Polizei über den Bereich der polizeilichen Spezialisierungsmöglichkeiten für die Schüler aus dem Schulkontext in die Berufsorientierung zu holen“.

Den Wuppertaler Lehrer Stefan Castelli, der an einem Gymnasium in Mettmann arbeitet, wird der Rückzug der Polizei freuen, er sah sich durch die Botschaft der Kampagne herabgewürdigt, wie in einem Schreiben an diese Redaktion deutlich geworden war. „Dem Fass den Boden schlägt die Tatsache aus, dass diese Äußerung im Rahmen einer vom Steuerzahler finanzierten Rekrutierungskampagne geschieht. Mir stellt sich die Frage, wer für diese Kampagne die politische Verantwortung trägt?“, schrieb Castelli – und zudem auch noch einen Brief an Innenminister Reul. Auch Mistler vom Philologenverband hatte von Reul eine „Klarstellung“ gefordert.