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Obama — der Entzauberte

Obama — der Entzauberte

Vor vier Jahren wurde der US-Präsident wie ein Messias gefeiert. Nun muss er hart für eine zweite Chance kämpfen.

Washington. Barack Obama konnte nicht anders, als zu enttäuschen. Als er am 20. Januar 2009 den Amtseid vor dem Kapitol ablegte, schien es, als ziehe nicht der 44. Präsident der Vereinigten Staaten ins Weiße Haus ein, sondern ein Messias. Ein Großteil der US-Amerikaner — und viele Menschen im Rest der Welt — lagen dem charismatischen Politiker zu Füßen. Fast vier Jahre später ist Obama entzaubert und muss um eine zweite Amtszeit kämpfen.

Angela Merkel, die nüchterne deutsche Kanzlerin, sah es voraus: „Die Erwartungen sind groß. Und auch er ist nur ein Mensch“, sagte sie nach der Vereidigung Obamas. Es waren übergroße Erwartungen, an denen der Demokrat scheitern musste. Er war der „Anti-George-Bush“, der seinem kriegsmüden Land Frieden bringen sollte. Er sollte ihm nach dem Trauma „Guantanamo“, wo die Regierung im Kampf gegen den Terror die Grenzen der Rechtsstaatlichkeit überschritten hatte, Selbstbewusstsein wiedergeben. Und er sollte das Land aus der Isolation nach der Irak-Invasion führen.

Obama versprach „Change“, Wandel, und meinte eine politische Abkehr von der Bush-Ära. Er weckte Hoffnungen und begeisterte die Menschen mit seiner brillanten Rhetorik. Dass er alle Probleme im Handstreich lösen könne, versprach er nie. Die Herausforderungen, die dem Land bevorstünden, „werden nicht leicht oder kurzfristig zu meistern sein“, warnte er in seiner Antrittsrede mit Blick auf das Erbe, das ihm sein Vorgänger hinterließ.

Zur Aura des Demokraten trug auch bei, dass erstmals ein schwarzer und dazu junger, ein „cooler“ Präsident ins Weiße Haus einzog und gleich eine attraktive Frau und zwei süße Töchter mitbrachte. Viele fühlten sich erinnert an die Kennedys, die Anfang der 60er Glanz nach Washington gebracht hatten.

Als Symbol für die Obama-Hysterie steht die Verleihung des Friedensnobelpreises Ende 2009 an den Frischling im Weißen Haus. Sie wurde zu einer weiteren Bürde für den Präsidenten: „Ich hielt es erst für einen Scherz. Dann war mir sofort klar, dass mir diese Auszeichnung Probleme schaffen würde“, sagte er später.

Dabei kann Obama durchaus Erfolge vorweisen. Der 51-Jährige hat sein Versprechen eingelöst, den Krieg im Irak zu beenden. Er hat den Abzug der Truppen aus Afghanistan eingeleitet. Mit der Tötung von Al-Kaida-Chef Osama bin Laden ließ er Kritiker verstummen, die ihm Führungsschwäche vorwarfen. Und er setzte gegen massiven Widerstand eine historische Gesundheitsreform durch. Seine Erfolge wiegen teils umso schwerer, da sie ab November 2010 gegen die Mehrheit der Republikaner im Abgeordnetenhaus und deren Blockadepolitik durchgeboxt wurden.

Die Schließung des Gefangenenlagers Guantanamo gelang ihm dagegen nicht. In Libyen zwangen die USA und ihre Alliierten Muammar al-Gaddafi in die Knie. Auf die Revolution in Ägypten reagierte der Präsident aber nur zögerlich. Auf den Bürgerkrieg in Syrien fand er bislang keine Antwort.

Das wichtigste Thema im Wahlkampf allerdings ist die Wirtschaftspolitik. Obama stoppte zwar mit einem milliardenschweren Konjunkturprogramm den Niedergang der Supermacht. Dennoch schwächelt die Konjunktur, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Und während Obama konkrete Politik machen muss, reichen dem republikanischen Herausforderer Mitt Romney Versprechen wie das von der Schaffung Millionen neuer Jobs.

Dennoch lag der blasse Romney lange abgeschlagen hinter dem Amtsinhaber, bis dieser einen schweren Fehler machte: Im ersten TV-Duell stand ein müde wirkender Präsident vor den Kameras, der sich in die Defensive drängen ließ. Hatte er Romney unterschätzt, oder war da Amtsmüdigkeit zu sehen? Obama holte in den folgenden Duellen auf. Doch: „Das Rennen ist sehr knapp“, wie er jüngst schrieb. Punkten konnte er als Krisenmanager nach dem Horrorsturm „Sandy“. Aber wird das reichen?

Die US-Verfassung gewährt einem Präsidenten eine vergleichsweise kurze Zeit, maximal acht Jahre, um Spuren zu hinterlassen. Schafft Obama die Wiederwahl, werden die kommenden vier Jahre entscheiden, ob er als großer Präsident in die Geschichte eingeht. Nach seiner Entzauberung stehen seine Chancen dafür besser als 2009.