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Notaufnahmen - Warum das System am Limit ist

Notaufnahmen - Warum das System am Limit ist

Gereizte Patienten, lange Wartenzeiten, Personalmangel: In den Notaufnahmen liegen die Nerven blank. Aber es geht auch anders.

Frankfurt/Main. Seit Stunden wartet Atilla Öt mit seiner Mutter in der Notaufnahme des Frankfurter Bürgerhospitals. Die 84-Jährige sitzt im Rollstuhl. Ihr kürzlich operiertes Knie tut weh. In Wiesbaden, erzählt der Sohn, habe seine Mutter einmal mit Atemnot fünf Stunden gewartet. Den 93-jährigen Vater hätten sie dort sieben, acht Stunden ausharren lassen. „Ich hab’ riesen Stress gemacht dort. Ich hab’ denen gesagt: Leute, so geht das nicht!“

Auch heute gehört Öt nicht zu den Geduldigsten. Drei Stunden seien sie schon hier, schimpft er. Atilla Öt hat grundsätzliche Kritik an den Zuständen in den Notaufnahmen: „Ein System, das man verbessern müsste.“

Damit ist der Wiesbadener nicht alleine. „Im Augenblick sind alle extrem unzufrieden: die Ärzte, die Patienten, das Pflegepersonal“, sagt Prof. Ferdinand M. Gerlach. Er ist Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen — oder kürzer: einer der „Gesundheitsweisen“ Deutschlands. Nach Jahren des Herumdokterns an Symptomen hat der Rat jetzt ein neues Konzept entwickelt und hofft auf einen „Durchbruch“. Dass es dafür höchste Zeit ist, bestreitet niemand. „Große Reformen sind Kinder der Not“, sagt Gerlach.

Eigentlich ist es im Bürgerhospital heute gar nicht so voll. An diesem Freitagabend warten nie mehr als ein Dutzend Menschen. Krankenschwester Sabine Krannich (53) sortiert grüne und graue Mappen: Grün für Unfall, Grau für internistisch. Wessen Mappe vorne steckt, kommt als Nächstes dran. Behice Öts Kladde steckt ziemlich weit hinten. Die Reihenfolge wird nach Dringlichkeit ständig umgeschichtet. „Patienten, die mit dem Rettungswagen kommen, werden immer vorgezogen“, erläutert Krannich. Wie die schwangere Frau mit Bauchschmerzen, bei der Assistenzarzt Kai-Alexander Lohmann im Ultraschall Gallensteine entdeckt.

Das Problem: „Jeder sieht sich selbst als Notfall“, sagt Krannich. Objektiv waren aber nur sechs von zehn Menschen, die in den vergangenen zehn Jahren in Notaufnahmen kamen, so akute Fälle. Das zeigt eine Forsa-Umfrage im Auftrag einer Krankenkasse.

Dass Patienten mit Lappalien die Notaufnahmen verstopfen, hat viele Gründe. Oft gibt es zu Hause niemanden, der ein Pflaster über eine Wunde kleben kann und sagt: „Halb so schlimm.“ Manche Einwanderer kennen es nur so, dass man bei Beschwerden sofort ins Krankenhaus geht. Und es gibt Hausärzte und Pfleger etwa in Altenheimen, die auf Nummer sicher gehen wollen und auf die Klinik verweisen.

Jasmin Madar, die heute am Empfangstresen des Bürgerhospitals sitzt, sieht einen weiteren Grund: Das Krankenhaus sei „das attraktivere System“, sagt die medizinische Fachangestellte. Beim Hausarzt braucht man einen Termin, beim Facharzt bekommt man lange keinen, und wenn man Zeit hat, ist die Praxis zu. Die Klinik vereint viele Fachrichtungen unter einem Dach. Und man kommt, wann man will.

Patienten, die stöhnen, sorgen also teils selbst für die Fülle. Die Zusammenballung der Probleme existiert vielerorts in Deutschland. Und Versuche, der kritischen Lage Herr zu werden, gibt es schon länger. Im Bürgerhospital habe sich die Situation verbessert, seit der Ärztliche Bereitschaftsdienst, ein Dienst der Praxis-Ärzte, eine Tür weiter sitzt, berichtet Internist Kai-Alexander Lohmann. Dorthin schicken er und seine Klinik-Kollegen alle, die in der Notaufnahme nichts zu suchen haben.

Kai-Alexander Lohmann, Arzt im Bereitschaftsdienst

„Wer hier nicht hergehört, der geht auch wieder“, sagt der Arzt. „Leute, die einen schlechten Döner gegessen haben, müssen nicht hier sitzen.“ An rund 650 Kliniken in Deutschland gibt es inzwischen solche Bereitschaftsdienst-Zentralen der niedergelassenen Ärzte. Das nimmt den Druck aus dem Kessel, ist aber noch nicht der ganz große Wurf, an dem der Sachverständigenrat der Gesundheitsexperten seit Jahren herumtüftelt. Denn: An den Notaufnahmen sieht man wie unter einem Brennglas eines der wohl größten Probleme der Gesundheitspolitik: die Trennung in stationär und ambulant, sprich Kliniken und Arztpraxen.

Im städtischen Klinikum Frankfurt-Höchst wird seit Oktober ein Modell getestet, das eine Blaupause sein könnte für die Notaufnahme der Zukunft — und mehr als das. Es ist der Versuch, die beinharte Mauer zwischen ambulanter und stationärer Versorgung einzureißen.

Einfach erklärt funktioniert das so: Es gibt die Notaufnahme, die Teil des Krankenhauses ist. Und es gibt den Ärztlichen Bereitschaftsdienst, der eine Arztpraxis ist. Wer ein wirklicher Notfall ist, kommt zur Notaufnahme, wer eigentlich zum Hausarzt gehen sollte, geht zum Ärztedienst, und entschieden wird das Ganze an einem — das ist das Neue — gemeinsamen Tresen, wo die Patienten entweder ins stationäre oder ins ambulante System gelotst werden.

An diesem sogenannten Triage-Tresen sitzt heute Julia Semmler. Die 41-Jährige arbeitet seit 20 Jahren in Notaufnahmen und hat schon viele unangenehme Situationen erlebt. Erst gestern wurde sie als „Pöbel“ beschimpft. Der Mann war in zwei Kliniken abgewiesen worden und kam entsprechend geladen an. Das Argument, er sei hier Kunde und daher König, half ihm nicht: Semmler und ihre Kolleginnen riefen den Sicherheitsdienst. Alle Mitarbeiter hier haben ein Deeskalationstraining absolviert. Trotzdem eskaliert die Situation manchmal so, dass die Polizei anrücken muss.

Auch der Chefarzt der Notaufnahme, Peter-Friedrich Petersen, spürt wachsende Aggression unter den Menschen, die in die Notaufnahme kommen. Helfer würden beschimpft, angespuckt, geschlagen, sagt der 55-Jährige.

Seit 13 Jahren ist Petersen Notfallmediziner. „Die Arbeitsbelastung ist enorm“, berichtet der Arzt, aber er sei eben „ein Adrenalin-Junkie“. 45 000 Patienten kamen 2017 in die Notaufnahme des städtischen Klinikums. Etwa zwei Drittel von alleine und ein Drittel mit dem Rettungswagen. „Der Platz reicht nicht vorne und nicht hinten. Es gibt auch mal Versorgung auf dem Flur“, räumt Petersen ein.

Seit der Reform können die Mitarbeiter in Frankfurt-Höchst mal durchatmen. „Der Krawall auf den Fluren hat enorm abgenommen“, sagt der Chefarzt. Früher mussten Patienten, die nichts Schlimmes hatten, oft fünf, sechs Stunden warten, heute sei das „auf höchstens mal zwei Stunden runtergepurzelt“.