Loveparade-Prozess: Schuld sind immer nur die anderen

Loveparade-Prozess: Schuld sind immer nur die anderen

Der Prozess um die strafrechtliche Aufarbeitung der Katastrophe im Juli 2010 läuft seit 56 Verhandlungstagen. Eine Zwischenbilanz.

Düsseldorf. Bleibt es bei der ursprünglichen Planung, wonach der Strafprozess zur Loveparade-Katastrophe insgesamt 111 Verhandlungstage dauern soll, dann hat soeben die zweite Halbzeit begonnen. Am Mittwoch, dem 56. Verhandlungstag, wurde stundenlang der Einsatzleiter der Duisburger Feuerwehr vernommen. Der heute 42-Jährige war in die Planung der Großveranstaltung im Sommer 2010 einbezogen. Für ihn waren dabei aber vornehmlich Fragen des Brandschutzes relevant, sagt er. In Arbeitsgruppen mit Mitarbeitern von Stadt und dem Veranstalter wurde er zwar immer wieder mit der Planung des Geschehens konfrontiert. Doch weil das nicht seine Zuständigkeit war, zeigt sich der Mann in der Uniform immer wieder zurückhaltend bei der Beurteilung der Frage, wer da was angeordnet hat. Motto: nicht meine Baustelle.

Dieses Motto zieht sich durch den ganzen bisherigen Prozessverlauf. Zuständig waren offenbar immer nur die anderen. Dabei muss die Frage, wer bei der Vorbereitung der Großveranstaltung für was verantwortlich war, nicht zwingend auf die zehn Angeklagten beschränkt werden. Im Verfahren sagten bereits diverse Zeugen aus, bei denen sich manch ein Prozessbeobachter fragte: Ist das wirklich nur ein Zeuge oder trägt nicht auch er Verantwortung?

Eben solche Zeugenauftritte dürften ganz im Sinne der großen Verteidigerriege liegen und später in deren Plädoyers einfließen. Sie werden argumentieren: Da gab es noch viele andere Verantwortliche — warum sollen unsere Mandanten allein den Kopf hinhalten?

Doch die prominenten Zeugen reden sich alle auf ihre Art heraus. Da ist der frühere Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland, der Anfang Mai wortreich erklärt, dass er am Genehmigungsverfahren nun mal nicht beteiligt war. Da er nicht angeklagt ist, kann ihm das Gericht nichts anhaben. Machtlos klingt denn auch die Frage des Vorsitzenden Richters Mario Plein, der bei der Vernehmung von Sauerland die Perspektive von „Klein Erna“ einnimmt. Und sein Unverständnis ausdrückt — aus der Sicht eben dieser kleinen Erna sei es doch seltsam, dass ein Oberbürgermeister sich bei einem solchen Großereignis nicht einbringt. Schließlich sei es doch nicht um die Planung für einen Flohmarkt gegangen.

Ebenso wenig wie den Zeugen Sauerland kann das Gericht (mangels Anklage) ein anderes Schwergewicht in Bedrängnis bringen, das Ende Mai auf der Zeugenbank Platz nimmt. Auch Rainer Schaller, Chef des Loveparade-Veranstalters Lopavent, hatte mit ganz ähnlicher Argumentation wie der Oberbürgermeister bereits eine Anklage gegen sich abwehren können. Zwar übernimmt er im Zeugenstand die „moralische Verantwortung“, weil das Unglück auf seiner Veranstaltung passiert sei. Doch er, so Schaller vor Gericht, habe sich selbst gar nicht um die sicherheitsrelevanten Planungsdetails gekümmert. Das hätten seine Mitarbeiter erledigt. Diese vier Männer sitzen ein paar Meter weiter auf der Anklagebank.

Auch nicht angeklagt, sondern nur als Zeuge geladen ist Anfang August der frühere Duisburger Ordnungsdezernent Wolfgang Rabe. Zwar war er vom Oberbürgermeister als Projektkoordinator für die Loveparade eingesetzt worden. Und als solcher immer wieder präsenter Befürworter der Veranstaltung. Verwaltungstechnisch war aber für das eingezäunte Gelände nicht das Ordnungs-, sondern das Baudezernat zuständig. Dem Bereich der Duisburger Verwaltung, aus dem denn auch die Angeklagten kommen.

Eine im Prozess viel diskutierte Frage ist auch das Engagement des renommierten Panikforschers Michael Schreckenberg, den Rabe für ein Honorar von 20 000 Euro engagierte, um dessen Sachverstand in die Planung einzubringen. Wie weit dieser dafür aktiv wurde, wird nicht ganz klar. In Schreckenbergs eigener Zeugenvernehmung Anfang August, aber auch in Rabes Vernehmung kommt eine andere Version für das Motiv des Auftrags auf: dass es bei dem Engagement von Schreckenberg darum gegangen sei, den populären Professor ruhig zu stellen. Wegen dessen häufiger Medienpräsenz sah man offenbar das Risiko, dass er sich negativ über die Durchführbarkeit der Veranstaltung in Duisburg äußern und das gewünschte Großereignis auf diese Weise gefährden würde.

All das muss zynisch wirken auf die Opfer und ihre Hinterbliebenen. Zynisch auch vor dem Hintergrund dessen, was überlebende Zeugen Anfang des Jahres im Gericht in beklemmenden Worten erzählt hatten. Wie sie in den Wellenbewegungen der Menschenmenge die Kontrolle verloren, gequetscht wurden, wie ihnen die Luft wegblieb, sie um ihr Leben kämpften. Wie sie Hilfeschreie hörten und dann mitbekamen, dass andere neben ihnen es nicht mehr schafften.

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