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NRW-Innenministerium: Zahl minderjähriger Salafisten in NRW verdoppelt - Blogger gesucht

NRW-Innenministerium : Zahl minderjähriger Salafisten in NRW verdoppelt - Blogger gesucht

Wie wird ein Teenager zum Salafisten? Zuerst bemerken es die Mütter und die Lehrerinnen. So scheint es auch beim jüngsten Bombenanschlag gegen ein Sikh-Gebetshaus in Essen gewesen zu sein. NRW-Innenminister Jäger sucht jetzt Blogger als Verbündete gegen Salafisten-Propaganda.

Düsseldorf. Zuerst fällt es der Mutter auf, dass ihr Junge in Gelsenkirchen in die salafistische Szene abzugleiten droht. Sie ergreift die Initiative, sucht Hilfe für ihr Kind. Typisch sei das, stellt der Chef des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes Burkhard Freier fest. „Meistens geben Frauen die ersten Signale: Mütter und Lehrerinnen. Die Väter schämen sich.“ Am Donnerstagabend gewährt er Journalisten im Düsseldorfer Innenministerium Einblicke in die Typologie jugendlicher Salafisten und enthüllt Hintergründiges zum Essener Bombenattentat auf ein Sikh-Gebetshaus. Für den Anschlag, bei dem am 16. April drei Menschen verletzt worden waren, gelten zwei 16-Jährige aus Gelsenkirchen und Essen als dringend tatverdächtig.

Alles, was sie wissen müssen, finden sie den bisherigen Ermittlungen zufolge im Internet. „Es ist nicht neu, dass das Internet Anleitungen zum Bombenbau bietet“, stellt Freier fest. „Den Zünder kann man in jedem Elektroladen kaufen. Neu ist, dass man in dem Alter so abgebrüht ist und tatsächlich Bomben baut.“ Dabei war der Gelsenkirchener schon seit November 2014 im nordrhein-westfälischen Vorzeigeprojekt „Wegweiser“, ein Präventionsangebot, das gefährdete oder schon radikalisierte junge Salafisten in die Gesellschaft zurückführen soll. Schon damals habe sich das Kind als typischer Salafist gezeigt, berichtet Freier. Der Junge entgleitet seinen Eltern zunehmend. Schulpsychologische Gutachten und Schulwechsel dokumentierten demnach die in solchen Fällen typische „Versagenskulisse“.

Vier Tage vor dem Bombenanschlag hatte er noch ein Gespräch mit „Wegweiser“. Am Tag nach der Veröffentlichung von Bildern der Tatverdächtigen erkennt ihn sein Berater. Der habe das Innenministerium inzwischen ausführlich unterrichtet, damit aus dem Fall für die Präventionsarbeit und Strafverfolgung Lehren gezogen werden können, berichtet NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD).

In der Regel gebe es keinen Informationsaustausch zwischen den Sozialarbeitern von „Wegweiser“ und dem Verfassungsschutz. „Dann ginge da ja keiner mehr hin.“ Im Falle einer Sicherheitsgefährdung oder einer Straftat verlange der Vertrag aber, dass der Träger - in diesem Fall die Arbeiterwohlfahrt Essen - dies dem Innenministerium melde. Eine Konsequenz liegt für den Innenminister schon jetzt auf der Hand: „Die Sozialarbeiter müssen sich stärker um Jüngere kümmern.“ Schon Zehn- bis Zwölfjährige müssten bei ersten Auffälligkeiten mit in die Beratung.

Die Radikalisierung der Teenager verlaufe oft zweigleisig, berichtet Freier: Über eine salafistische Bezugsperson und sehr viel über das Internet. Wer dort und in den sozialen Netzwerken die Begriffe „Islam und Demokratie eingebe“, stoße zuerst auf Massen salafistischer oder rechtsextremistischer Texte und Bilder. Hier will Jäger ansetzen: „Wir brauchen eine bundesweite Strategie, damit die Botschaft der Salafisten nicht die lauteste ist im Internet:“ Jägers Idee: Er will populäre Blogger dafür gewinnen, auf ihre Art Informationen des Staates zu diesem Thema unter das Jungvolk zu bringen.

Erste Kontakte zur Blogger-Szene hatte das NRW-Innenministerium kürzlich bei einem Austausch in Berlin geknüpft. Ernüchternde Erkenntnis: Die Texte der Behörden sind zu lang und zu langweilig. Jägers Vision: „Der Staat gibt die Informationen und die Blogger transportieren das mit Humor und Sarkasmus, authentisch und mit provozierenden Bildern.“ Was am besten bei Jugendlichen ankomme, werde derzeit im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung an den Universitäten Köln und München erforscht. Der Staat müsse weiter in eigenem Interesse Präventionsangebote ausbauen, mahnt Freier. Wer verhindern wolle, dass perspektivlose Kinder und Jugendliche sich mit verheerenden Folgen für die deutsche Gesellschaft als Märtyrer im extremistischen Salafismus verlieren, müsse ihnen eine Alternative aufzeigen. „Die zwei W: Wohlstand und Wertschätzung.“