Wie Olympia 2032 nach NRW kommen soll

Wie Olympia 2032 nach NRW kommen soll

Sportmanager Michael Mronz spricht über seine konkrete Vision von Olympia 2032 an Rhein und Ruhr, offene Fragen zu olympischen Standorten und sinnvolle politische Masterpläne.

Düsseldorf. Der CHIO in Aachen liegt gerade hinter ihm, am Nachmittag trifft sich Sportmanager Michael Mronz mit einigen Mitarbeitern, um neue Ideen des Reitevents für die Olympia-Initiative zu nutzen. Zwischendurch besuchte der 51-Jährige unsere Redaktion in Düsseldorf.

Herr Mronz, Sie müssen ein disziplinierter Mensch sein.

Mronz: Warum?

Weil Sie so viele Unternehmungen gleichzeitig anpacken.

Mronz: Ich nenne das nicht diszipliniert, ich kann mich einfach für viele Themen begeistern. Ob für den CHIO in Aachen, die „Westerwelle Foundation“ als Stiftung meines Mannes oder die BMW Open by FWU in München, das Tennis-Turnier, mit dem Charly Steeb leider insolvent gegangen ist und dem wir erfolgreich eine neue DNA geben konnten. Und natürlich das Projekt Olympische und Paralympische Spiele 2032 in der Region Rhein-Ruhr. Das Ganze immer im Team.

Wie spüren Sie denn eine DNA eines Turniers auf? Und was ist die DNA einer Bewerbung für Olympia?

Mronz: Hier in der Region spüre ich eine Aufbruchstimmung. Das Ruhrgebiet befindet sich im Strukturwandel. Wo entstehen die meisten Neugründungen? Rund um Universitäten. Dann schaut man sich Mikrokosmen wie den Campus in Aachen an: Niemand hätte vor zehn Jahren geglaubt, dass es heute in Aachen zwei Produktionsstätten für E-Mobilität gibt — und eben nicht in Asien, Osteuropa oder Mexiko. Die Region Rhein-Ruhr hat das Potenzial, die fitteste und modernste Europas zu werden. Und dann kann das IOC am Ende im Hinblick auf Olympische Spiele sagen: Wir möchten dafür die modernste Region Europas finden. Wir nutzen jetzt das neue Wir-Denken der Kommunen.

Was macht die Region für Sie so attraktiv?

Mronz: Das sind Werte, die es so kein zweites Mal gibt. Mit 9 der 30 Dax-Unternehmen, 13 der 30 MDax-Unternehmen, 400 000 mittelständischen Unternehmen. Und 500 000 Studenten an 20 Hochschulen und Elite-Universitäten. Die Verbindung einer bestehenden Industrie mit einem gesunden Mittelstand mit diesen Studenten — das ist ein echtes Kapital. Das wollen wir ins Schaufenster stellen.

Ist der Schwenk weg vom Gigantismus in einer Sportwelt vermittelbar, in der derzeit Großereignisse in China, Russland oder Katar stattfinden und maximal kapitalisiert werden?

Mronz: Wir haben eine Chance, weil wir Sportstätten bis auf wenige Ausnahmen nicht mehr neu bauen müssen. Wir haben gesagt: Wir wollen die Olympischen Spiele dem Sport zurückgeben. Das IOC hat die Agenda 2020 ausgeschrieben, Spiele in einer Region möglich gemacht, Mindestgrößen von Hallen zum Beispiel nicht mehr vorgeschrieben. Dadurch können wir Gruppenspiele in kleineren Hallen stattfinden lassen. Wir können es schaffen, Basketball und Handball vor 50 000 Zuschauern in der Düsseldorfer Arena auszutragen. Hockey würde vor 10 000 Zuschauern im Hockey-Park in Mönchengladbach gespielt, für die großen Spiele gingen wir in die Arena nebenan auf Kunstrasen vor 40 000 Zuschauern. Genauso beim Schwimmen in Gelsenkirchen oder Reiten in Aachen, immer 40 000 Zuschauer. Ich bin mir zu hundert Prozent sicher: Wir hätten immer ausverkaufte Stadien und Hallen. 641 000 Sitzplätze sind in den Stadien heute schon vorhanden, ohne dass wir neu gebaut hätten.

Es fehlt nach wie vor ein Leichtathletik-Stadion in der Konzeption.

Mronz: Der 1. FC Köln beschäftigt sich damit, ein neues Stadion zu bauen. Es gäbe Techniken, wie man temporär eine Leichtathletik-Bahn integrieren könnte. Die Frage ist: Plant der Club und wenn ja, wäre man interessiert, diese Möglichkeit zu integrieren? Geht das negativ aus, dann muss man sagen: Wollen wir in NRW ein kombiniertes Fußball- und Leichtathletik-Stadion mit einer Kapazität von 20 000 Zuschauern haben, das man temporär auf 60 000 erweitert? Genauso ist es mit dem Standort eines Olympischen Dorfes, wo wir jetzt mal drei, vier Areale markieren mit einer Größe von 60 bis 80 Fußballfeldern, die in Frage kommen. Es gibt einen logischen Radius zwischen Köln und Düsseldorf, weil alle Sportstätten in einem Radius von 50 Minuten oder 60 Kilometern vom Olympischen Dorf entfernt sein müssen. Hauptpunkt ist: Wo gibt es Wohnraummangel? Das ist in Köln und Düsseldorf gegeben, in Köln war ein neuer Stadtteil Kreuzfeld schon mal in der Diskussion. Da sagt jeder Projektentwickler: Das ist toll! Das belastet nicht mal den Etat für die Spiele.

Was haben Sie an Entwicklungen im Bereich der Mobilität im Auge?

Mronz: In den USA gibt es ein Unternehmen, das zu mietende E-Scooter für die letzte Meile herstellt. Das Unternehmen ist inzwischen mit zwei Milliarden Dollar bewertet. Wir in Deutschland haben noch gar keine Gesetzeslage für E-Kleinfahrzeuge. NRW sollte der Treiber sein, in dem man einen Rechtsraum für die Techniken der Zukunft der Mobilität schafft. Wenn wir in Deutschland mit der gleichen Leidenschaft und Intensität über Digitalisierung, Infrastruktur und Glasfaserausbau sprechen würden, wie über das Thema Flüchtlinge, würde ich mir keine Sorgen mehr machen. Nächtliche Sitzungen zum Thema Glasfaserausbau und technischem Fortschritt habe ich hier noch nicht gesehen. Dafür einen ressortübergreifenden Masterplan zu haben, sollte ein kurzfristiges Ziel sein. Das ist auch der Wunsch aus dem Mittelstand und aus der Industrie heraus.

Wie sehen Sie für sich in diesem Spannungsfeld von einem Olympia- und Paralympics-Plan für 2032 und eine Region im Aufbruch Ihre Rolle. Sind Sie Antreiber von Politik und Wirtschaft?

Mronz: Wir haben, glaube ich, einen Dialog gestartet, und da nehme ich mich selbst gar nicht wichtig. Ob wir am Ende noch eine Rolle spielen, wird sich zeigen. Ich habe immer deutlich gemacht, dass der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) Herr des Verfahrens ist. Wenn erstens der DOSB am Ende sagt, wir bewerben uns, zweitens das mit Rhein-Ruhr machen will und drittens unser Konzept dann eine Rolle spielen soll, dann würde ich mich freuen, wenn wir Gestaltungsspielraum hätten. Ansonsten würde ich sagen: Ich habe etwas gemacht, was mir Spaß gemacht hat.

Sie entwerfen derzeit eine Zukunftsvision der Region, um den Mehrwert für Olympische Spiele 2032 deutlich zu machen. Ist die Zeit bis 2032 dafür zu kurz?

Mronz: Zum ersten Mal wird die Frage so gestellt. Bisher hieß es immer, 2032 ist noch so lange hin. Am Anfang sollte man immer den Anspruch haben. In zehn Jahren wird es Lösungen geben, die wir uns heute noch nicht vorstellen können. Vor zwölf Jahren hat niemand ein Smartphone gehabt. Wir haben jetzt die Chance zu denken, wie Mobilität der Zukunft zwischen den Kommunen in der Region aussehen kann. Das ist eine einmalige Chance, egal wo sie jeweils politisch stehen. Bayern war auch mal ein Nehmerland, heute ist es das erfolgreichste Bundesland der Republik. Und: Wir haben nur eine Chance, wenn das parteiübergreifend getragen wird, und das wurde es von Beginn an. Und jetzt freut es mich, dass der Ministerpräsident das Thema so nach vorne stellt. Ich glaube, dass wir etwas Einzigartiges schaffen können, ohne dass es Gigantismus ist. Und trotzdem so groß, dass es so etwas noch nie gegeben hat.

Wie können Städte profitieren, die in dem Olympia-Konzept bislang nicht vorkommen?

Mronz: Alle Themen, die man in Sachen Mobilität einer Region Rhein-Ruhr mit zehn Millionen Menschen vorantreibt, gelten für die ganze Region. Was wir haben, ist ein Planungspapier. Auch, weil wir noch nicht wissen, welche Infrastruktur bis dahin noch entsteht. Und: Städte und Landkreise, die nicht berücksichtigt sind, wären automatisch eingebunden. Es gibt große Themen wie Unterkünfte oder Trainingslager. Es gibt unzählige Besucher, die kulturelle Angebote in der Region wie den Skulpturenpark in Wuppertal wahrnehmen würden. Im Bewusstsein der Menschen wird eine ganze Region profitieren. Nachhaltig. Wir wollen jetzt eine Vielzahl von deutschen Jugendmeisterschaften in die Region holen. Mit den Sportlern, die 2032 eine Rolle bei Olympia spielen könnten. Die sind unsere Botschafter.

Wie wollen Sie verhindern, dass es nicht doch ein Hauen und Stechen zwischen den Kommunen gibt, wenn es ernst wird?

Mronz: Uns ging es nie um einen Proporz. Wir kommen immer über die Sachlogik. Dass das aufgegangen ist, ist ein Ergebnis der vorhandenen Infrastruktur. In Rio gab es zwei Olympiastadien, eines für Eröffnungs- und Schlussfeier und eines für die Leichtathletik. Das können wir übernehmen: Das größte Stadion in Deutschland steht im Ruhrgebiet in Dortmund. Wir haben die Chance, das erste Mal eine Konzeption umzusetzen einer Agenda 2020 von IOC-Präsident Thomas Bach, mit der Bach künftig auch wieder mehr Bewerber für Olympische Spiele generieren kann.

Wie sieht Ihre Erwartung an den DOSB aus?

Mronz: Es war nachvollziehbar, dass man nach der Niederlage von Hamburg nicht offen war für neue Ideen. Jetzt hat man gesagt, dass man sich für die Zeit zwischen 2030 und 2040 eine Bewerbung vorstellen kann. Wichtig wird 2019 sein, wenn die Winterspiele 2026 vergeben werden, ob Deutschland für Winter-Olympia 2030 ins Rennen gehen will. Dann muss man sich frühzeitig entscheiden, ob man sich für 2032 bewirbt und einen begrenzten Korridor lassen für die, die sich auf nationaler Ebene bewerben wollen. Im nächsten Schritt müsste man sich für einen Bewerber entscheiden und den Bürgern genug Zeit geben, sich mit einer Konzeption nachher auch zu beschäftigen. In Hamburg hat man den Fehler gemacht zu sagen: Hier ist das Konzept, bis zwei Wochen vor der Abstimmung waren aber die Kosten gar nicht klar.

Wird es eine Bürgerbefragung geben müssen?

Mronz: Man müsste erst einmal die Entscheidungsgrundlage für Konzept und Kosten ausstellen. Und dann müssen Bürgerinnen und Bürger entscheiden, ob sie darüber überhaupt abstimmen wollen. Auch bei einer WM oder EM wird kein Bürger befragt und unser Konzept greift genauso auf eine bestehende Infrastruktur zurück.

Sie sind also gegen eine Bürgerbefragung?

Mronz: Nein, wenn die Bürgerinnen und Bürger das wollen, freue ich mich auf den Dialog. Aber es muss kein Reflex sein.

Wie wollen Sie die Emotionen transportieren?

Mronz: Das wollten wir nicht zu Beginn über Zahlen zu Werbewert und Kaufkraft machen. Wir wollen ein Sachfundament legen. Die Emotionen kommen später, wenn wir das aufladen, was ich gesagt habe: Wir wollen die Spiele den Menschen zurückgeben. Es würde ein spektakuläres Fest der Region mit viel Stolz werden.

Mehr von Westdeutsche Zeitung