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Unfall am Braunkohlekraftwerk in Grevenbroich: Das Grauen zwischen Stahl und Himmel

Unfall am Braunkohlekraftwerk in Grevenbroich: Das Grauen zwischen Stahl und Himmel

Am Tag nach dem Gerüsteinsturz am neuen Kraftwerk in Grevenbroich bergen Spezialkräfte zwei der drei Toten.

Grevenbroich. Vier Monolithen aus Beton, gewaltige Stahlstreben und ein Gewirr von Kränen: Am Tag nach dem Unfall wirken die Riesen auf Europas größter Baustelle wie eingefroren.

Es weht kein Wind, der Himmel ist eisgrau. Und nur das Surren der Kameras am Zaun durchbricht die Stille. Die Tele-Objektive der Journalisten fokussieren alle den gleichen Punkt, die Leiche des Monteurs, die in 140 Metern Höhe an einem Sicherungsseil hängt wie eine Marionette. Seit 20 Stunden hängt sie dort schon.

Es ist 13.55 Uhr, als sich ein Mann mit rotem Overall von der Plattform der Stahlkonstruktion abseilt. Er kommt ganz nahe heran an das abgestürzte Gerüstteil, das in eine stählerne Querstrebe verkeilt ist und sich wie eine Rutsche nach unten neigt.

Die ganze Nacht und den Vormittag haben Bergungskräfte mit Statikern jeden einzelnen Schritt besprochen. Die Gerüstteile hängen bedrohlich zwischen Himmel und Erde, können sich jeden Moment lösen und den Feuerwehrmann in die Tiefe reißen. Um 14.07 Uhr schwebt er neben dem Toten, er legt ihm einen Gurt mit dem Bergungsseil an. Minuten später wird der leblose Körper abgeseilt, Meter für Meter. "Weiter, noch 50Zentimeter, Stopp", hallt es nach einer halben Ewigkeit blechern über die Baustelle.

Um 14.31Uhr ist die Leiche am Boden. Selbst den abgehärteten Presse-Fotografen ist das Entsetzen anzusehen. Einer nimmt seine Kamera vom Gesicht, schüttelt den Kopf, dann sagt er: "Das ist kein guter Tag."

Und wieder herrscht eisige Stille. Kein Hubschrauberlärm und Sirenengeheul mehr, wie am Abend des Unglücks. Bis Montag bleibt die komplette, 50Fußballfelder große Baustelle stillgelegt. Dort, wo sonst über 1000 Menschen arbeiten, sind allein Bergungskräfte, Polizei und technische Gutachter im Einsatz. Unter den Giganten aus Stahl und Beton wirken sie wie Mikroorganismen, die gelb und rot leuchten.

Am Bauzaun des Braunkohlekraftwerks versammeln sich nur wenige Schaulustige - ein paar Rentner mit Fahrrädern sind dabei; sie haben die Polizeisperren im Umkreis der Baustelle auf Schleichwegen umfahren und blinzeln nun durch ihre Ferngläser auf das Gelände des Kraftwerks.

Von den Arbeitern hingegen ist keiner da. Einige von ihnen waren um sechs Uhr am Morgen pünktlich zum Schichtbeginn am Werkstor erschienen, doch ihr Arbeitstag endete, ehe er begann: Man schickte sie nach Hause.

Am Nachmittag bergen die Rettungskräfte den zweiten Toten, einen tschechischen Monteur, der auf dem Boden von einem Gerüstteil zerquetscht wurde. Ein Sanitäter bricht unter der Last der Eindrücke zusammen: Er erleidet einen Herzinfarkt. Aber die Arbeiten gehen weiter. Die dritte Leiche, die auf einem Querträger in 70 Metern Höhe liegt, können die Männer bisher nicht erreichen; sie soll heute geborgen werden. Dass noch jemand unter den Trümmern liegt, sei zwar unwahrscheinlich, aber nicht mit Sicherheit auszuschließen, heißt es bei der Polizei.

Spezialisten Schon kurze Zeit nach dem Unglück waren 50 speziell ausgebildete Höhenretter der Düsseldorfer Feuerwehr in Neurath. Die Gruppe gehört zu den besten des Landes, wurde 2006 Deutscher Meister. Heute steht die Titelverteidigung an.

Ausbildung Pro Jahr sind 72 Übungsstunden Pflicht. Trainiert wird in Indoor-Kletteranlagen, aber auch am Arag-Hochhaus oder Victoria-Turm in Düsseldorf.

Einsätze Die Düsseldorfer Höhenretter haben im Schnitt rund zehn bis 15 Einsätze im Jahr - die meisten in Hochhäusern, am Kran und eben im Tagebau

Der schwere Unfall am Bau des RWE-Kraftwerks in Grevenbroich hat auch die Verantwortlichen der Berufsgenossenschaft (BG) Bau erschüttert. Man werde den Angehörigen der drei Toten sowie den Verletzten unbürokratisch helfen, sagte BG-Vorsitzender Frank Seynsche gestern. Die Arbeitsschützer hatten das Sicherheitskonzept auf Europas größter Baustelle noch Ende August als vorbildliches Beispiel der Öffentlichkeit präsentiert.

Auch nach dem tragischen Unglück gehen sie nicht davon aus, das Sicherheitskonzept falsch eingeschätzt zu haben. Zusammen mit Verantwortlichen ausführender Unternehmen, staatlichen Arbeitsschützern und Berufsgenossenschaften anderer beteiligter Branchen habe die BG Bau die Baustelle in den vergangenen Wochen immer wieder überprüft, so ein Sprecher. Von Schwachstellen im Sicherheitssystem auszugehen, sei reine Spekulation. Zunächst seien die Ermittlungsergebnisse hinsichtlich der Unfallursache abzuwarten.

Das Arbeitsschutz-Konzept beinhaltet unter anderem Blitzschutzräume für die an den 180Meter hohen Kühltürmen arbeitenden Monteure sowie Rettungscontainer, die im Notfall per Kran angehoben werden können. Trotz detaillierter Maßnahmen kam schon Anfang September ein 51-jähriger Bauarbeiter ums Leben. Er stürzte zehn Meter aus einem Korb in die Tiefe. Arbeitsschutz-Dezernentin Angelika Notthoff: "Eindeutig ein Fehlverhalten des Arbeitnehmers. Er hat elementare Sicherheitsmaßnahmen nicht beachtet."