Schulpolitik neu ausgerichtet: Grüne wollen gemeinsames Lernen stärken

Schulpolitik neu ausgerichtet : Grüne wollen gemeinsames Lernen stärken

Ein neues Schulpapier setzt auf Vorreiterschulen für Inklusion und mehr Gesamtschulen. Für die Hauptschule sehen die Grünen keine Zukunft.

Die Grünen in NRW sortieren sich bei einem Thema neu, das von vielen in hohem Maße mitverantwortlich gemacht wird für ihre herbe Wahlniederlage vor zwei Jahren: „Selbstbestimmt lernen, selbstbestimmt leben“ ist ein 44-seitiger Abschlussbericht der Kommission „Zukunft der Bildung“ überschrieben, der die Neubestimmung der grünen Schulpolitik in die Wege leiten soll. Beim Landesparteitag Mitte Juni in Neuss wird es dazu einen Beschluss geben.

Grüne Schulpolitik habe in der Vergangenheit eine Überlastung der Schulen und Lehrer bewirkt, die nicht ausreichend aufgefangen werden konnte, blickte der Landesvorsitzende Felix Banaszak bei der Vorstellung des Berichts zurück. Bei den neuen Überlegungen habe daher die „Entlastungsperspektive“ im Vordergrund gestanden.

Sozialindex soll über Stellen- und Mittelverteilung entscheiden

Konkret wollen die Grünen künftig über einen schulscharfen Sozialindex entscheiden, wie Lehrerstellen und Ausstattung verteilt werden – zum Vorteil der besonders belasteten Schulen. Die Lehrer sollen durch zusätzliche Verwaltungs- und IT-Fachkräfte von Verwaltungsaufgaben entlastet werden.

Beim Reizwort Inklusion verteidigt das Papier grundsätzlich den Rechtsanspruch auf Beschulung an allen Schulen und Schulformen. „Es ist nicht richtig, die Gymnasien aus der gesellschaftlichen Verantwortung zu entbinden“, kritisierte Banaszak die neue Linie der schwarz-gelben Landesregierung. Allerdings sei dieser Rechtsanspruch geschaffen worden, „ohne dass die Bedingungen vorlagen“. Das soll jetzt anders werden: durch verlässlich im Kollegium verankerte Sonderpädagogen, Fort- und Ausbildung, ein kommunales Unterstützungszentrum und eine Koordinationsstelle für Inklusion auf Schulleitungsebene. Zusätzlich sollen an Vorreiterschulen über eine gezielte Ausstattung mit Therapie- und Pflegeräumen besonders günstige Bedingungen geschaffen werden.

Für die Hauptschule sehen die Grünen keine Zukunft. Vorstellbar sei ein zweigliedriges Schulsystem mit Gymnasien und Gesamtschulen, sagte Banaszak. Dabei würden die Sekundarschulen auch zu Gesamtschulen umgewandelt. Das solle aber nicht von oben aufgestülpt werden. Wenn es weiter Interesse an anderen Schulformen gebe, sollen diese möglich bleiben. Ohnehin ist mehr Selbstbestimmung für die Schulen vor Ort ein Kerngedanke des Konzepts. „Aber derzeit ist die Nachfrage nach Schulen des gemeinsamen Lernens größer als das Angebot.“

Banaszak bezeichnete diese Neuausrichtung als „Update des Schulkonsens“. Der war 2011 zwischen Rot-Grün und der damaligen CDU-Opposition geschlossen worden, um den ewigen Streit um Schulformen beizulegen. Die Grundschulempfehlung, so der Landesvorsitzende,  dürfe nicht länger vorgeben, welchen Bildungsweg ein Kind gehen kann und welchen nicht. Das Lehren, Lernen und Arbeiten in heterogenen Gruppen sei auf allen Ebenen das Modell der Zukunft.

Nach dem Willen der Grünen ist der Hauptschulabschluss künftig an allen Schulformen möglich, also auch an Realschulen und Gymnasien. Und die Partei setzt auf einen verstärkten Ausbau des Ganztags in Verbindung mit einem Rechtsanspruch. Die Verzahnung von Unterricht und Betreuung müsse besser werden. Würde die Sommerzeit künftig zur Normalzeit und bliebe es entsprechend morgens länger dunkel, kann sich Banaszak auch eine Betreuung bereits vor einem dann späteren Schulbeginn um 9 Uhr vorstellen. „Wir brauchen für Familien ein qualitativ hochwertiges Angebot.“

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