Interview: Schulministerin Gebauer (FDP) fordert mehr Wertschätzung für den Lehrerberuf

Interview : Schulministerin Gebauer (FDP) fordert mehr Wertschätzung für den Lehrerberuf

Zu wenig Lehrer, Inklusion, Unterrichtsausfall und G9 — was die neue FDP-Schulministerin Yvonne Gebauer plant.

Frau Gebauer, Sie sind jetzt gut sieben Wochen im Amt. Was war die größte Überraschung, die Sie im Keller Ihres Ministeriums vorgefunden haben?

Yvonne Gebauer: Die Zahl der 2139 Lehrerstellen, die wir zum neuen Schuljahr nicht besetzen können, hat mich schon sehr erschrocken. Wir müssen diese Lücke schnellstmöglich schließen.

Mit noch mehr Leuten, die eigentlich gar nicht Lehrer werden wollten, mit den Seiteneinsteigern?

Gebauer: Wir brauchen auch Seiteneinsteiger, das ist richtig. Wenn, wie in diesem Schuljahr, viele Stellen nicht besetzt werden können, müssen wir dafür möglichst schnell Lösungen finden. Denn unbesetzte Stellen führen dazu, dass Unterricht ausfällt oder sogar gekürzt werden muss. Ich halte den Seiteneinstieg für eine Maßnahme, um offene Stellen zu besetzen und die Unterrichtsversorgung dadurch zu verbessern. Vorrang hat natürlich die Besetzung der Stellen mit Lehrerinnen und Lehrern. Es geht aber auch darum, dem Lehrerberuf mehr Wertschätzung entgegenzubringen.

Also bessere Bezahlung?

Gebauer: Wertschätzung hat nicht immer nur mit Geld zu tun, sondern damit, wie wir mit dem Beruf Lehrer umgehen. Mit denjenigen, die tagtäglich mit dem Wichtigsten, was wir haben, arbeiten - unseren Kindern. Da ist der Lehrerberuf auf der Beliebtheitsskala derzeit nicht ganz oben.

Wie können Sie das verbessern?

Gebauer: Indem aus der Politik ein Anstoß in die Gesellschaft hinein gegeben wird. Eltern müssen sich bewusst machen, wie sie mit den Lehrerinnen und Lehrern ihres Kindes umgehen. Eltern und Lehrer eint doch, dass sie das Beste für die Kinder wollen. Was wir beobachten ist, dass Eltern vermehrt mit einem Anwalt zu Gesprächen in die Schule kommen, weil man den Lehrerinnen und Lehrern misstraut. Das halte ich für falsch. Hier kann Politik aber nur den Anstoß geben, die Gesellschaft muss mitziehen.

Wie gehen Sie das an?

Gebauer: Wir werden zu Beginn nächsten Jahres eine Kampagne zur Lehrerwerbung starten. Dabei geht es auch ums Image und das Thema Wertschätzung.

Wo fehlen besonders viele Lehrer?

Gebauer: An den Grundschulen, an den Berufskollegs und an den Förderschulen.

Wo sollen die zusätzlichen Lehrkräfte herkommen?

Gebauer: An den Grundschulen gibt es bereits Seiteneinsteiger. Bisher für die Fächer Sport, Musik und Kunst. Jetzt kommt Englisch dazu. Auch wollen wir Lehrer aus dem Bereich Sekundarstufe 1 und Sek 2 dafür gewinnen, für zwei Jahre in die Grundschule zu gehen. In zwei Jahren hoffen wir, die Lücke an den Grundschulen geschlossen zu haben.

Wie werden denn die Seiteneinsteiger geschult, insbesondere, was die pädagogische Qualifizierung betrifft?

Gebauer: Die Fortbildung erfolgt über das Landesinstitut Qualis in Soest. Mit einer Blockveranstaltung zu Beginn des Schuljahres und dann jede Woche weitere halbtägige Veranstaltungen im kompletten darauf folgenden Schuljahr. Bei der Fortbildung geht es um Didaktik und Pädagogik für die Grundschule.

Warum bezahlen Sie nicht gleich die Grundschullehrer besser, um den Beruf attraktiver zu machen?

Gebauer: Ich habe leider keinen Goldesel im Keller, das ist nicht einfach so machbar. Man muss in der Politik seriös bleiben und realistisch schauen, was geht. Wir prüfen die bessere Bezahlung, ja, aber ich betone auch: allein eine bessere Bezahlung der Lehrer garantiert nicht besseren Unterricht.

Die fehlenden Lehrer sind das eine. Die Schulen müssen auch noch allein in NRW 40 000 Flüchtlingskinder integrieren. Wie geht das?

Gebauer: Hier muss es meines Erachtens zu einer gerechteren Aufteilung zwischen den Bundesländern kommen.

Ab dem Jahr Schuljahr 2019/20 wird das Abitur grundsätzlich wieder nach neun Jahren gemacht. Es sei denn, die Schulkonferenz entscheidet, dass es an der Schule bei G8 bleibt. Wie viele Schulen werden zu G9 zurückkehren.

Gebauer: Ich erwarte, dass es ähnlich wie in Hessen laufen wird, wo knapp über 90 Prozent der Schulen zu G9 zurückgekehrt sind.

Warum gilt das, was damals der Grund für die Schulzeitverkürzung war, heute nicht mehr? Dass die Jugendlichen angesichts des internationalen Wettbewerbs schneller in den Arbeitsmarkt sollen.

Gebauer: Der Zeitgeist ist ein anderer geworden. Eltern legen inzwischen neben einer guten Ausbildung auch mehr Wert darauf, dass ihre Kinder sich auch zu Persönlichkeiten entwickeln. Das ist ein anderer Fokus als bei der Einführung von G8 vor einigen Jahren.

Yvonne Gebauer kritisiert die Ihrer Ansicht nach falsche Schwerpunktsetzung in der Vergangenheit

Sie haben kürzlich gesagt, es gehe bei der Umstellung von G8 auf G9 gerade nicht nur um die bloße Verlängerung der Schulzeit, sondern auch um eine Qualitätsverbesserung. Was planen Sie?

Gebauer: Als damals von G9 auf G8 umgestellt wurde, waren die Lehrerkollegien in der Umsetzung der Lehrpläne auf die verkürzte Schulzeit zunächst weitgehend auf sich gestellt. Das wollen wir in dieser Form nicht noch einmal, sondern wir wollen die Schulen von Seiten des Landes bei dieser Aufgabe stärker unterstützen. Wir beabsichtigen, rechtzeitig Beispiele für schulinterne Lehrpläne zur Verfügung zu stellen, damit nicht an jeder Einzelschule das Rad neu erfunden werden muss. Wir werden die Lehrpläne nicht einfach nur von acht auf neun Jahre strecken, sondern weiterentwickeln. Dazu gehört, dass wir prüfen, was weiter nötig ist, wo länderübergreifende Standards zu berücksichtigen sind und wo aktualisiert werden muss, weil ja auch verstärkt neue Akzentsetzungen wie Informatik, Digitalisierung, Wirtschaft dazukommen.

Was halten Sie von den Vorstellungen der SPD, die Rolle der Länder beim Thema Bildung zu beschneiden und das Ganze bundeseinheitlicher zu machen?

Gebauer: Es ist zu begrüßen, wenn Martin Schulz die Verantwortung des Bundes für beste Bildung in unserem Land anerkennt. Es stellt sich aber die Frage, warum die Bundesregierung in den vergangenen vier Jahren nichts unternommen hat, um die Länder in ihrer Aufgabe zu unterstützen. Das Kooperationsverbot ist eine künstliche Hürde, und muss abgeschafft werden. Selbstverständlich sind Schul- und Bildungspolitik Ländersache. Das muss auch so bleiben. Doch Bildung ist eben auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, der sich der Bund nicht entziehen kann. Ohne die Unterstützung des Bundes wird es aber nicht gelingen, die Schulen in Deutschland für die Digitalisierung fit zu machen. Das Geld muss schnell und unbürokratisch zur Verfügung gestellt und eingesetzt werden können.

Thema Unterrichtsausfall. Ihre Vorgängerin hatte hier nur einen Ausfall von 1,8 Prozent gesehen. Das zweifeln nicht nur Sie an. Und wollen nun durch flächendeckende Erhebungen feststellen, ob es nicht viel mehr ist. Nun befürchtet der Lehrerverband VBE, dass es durch Veröffentlichung der Daten zu einem Schulranking kommen wird. Dass also Schulen mit mehr Unterrichtsaufall gemieden würden. Lieber solle die Politik für genügend Lehrerstellen sorgen, statt Schulen noch stärker unter Druck zu setzen.

Gebauer: Eine Stelle allein gibt keinen Unterricht. Wir brauchen gesicherte Daten über das ganze Jahr, um gezielt Unterrichtsausfall entgegenzuwirken. Diese fehlenden Daten werden wir zukünftig erfassen.

Wie sollen Kinder schreiben lernen? Wird „falsch schreiben nach Gehör“ mit Ihnen vorbei sein?

Gebauer: Ich bin keine Freundin der Methode Lesen durch Schreiben. Das Kind beim Schreiben nicht zu korrigieren, wird teilweise viel zu lange, sogar bis ins vierte Schuljahr fortgesetzt. Der Umgang mit dieser Methode ist eine Gratwanderung zwischen pädagogischer Freiheit und Ergebniskontrolle. Wir erleben zurzeit, dass die Ergebnisse nicht das wiedergeben, was die Lehrpläne fordern. Deshalb werde ich mir das genau ansehen.

Es wird oft eine Entfachlichung des Unterrichts beklagt — dass Methodenkompetenz vor fachlichen Inhalten steht.

Gebauer: Auch aus meiner Sicht ist die Balance zwischen Kompetenzen und Fachlichkeit zu Lasten der Fachlichkeit gestört. Diese will ich wieder ins Gleichgewicht bringen. Fachlichkeit hat auch etwas mit dem Leistungsniveau zu tun.

Sind die Anforderungen abgesenkt worden?

Gebauer: Ich habe diese Tendenz auch festgestellt. Die Vorgängerregierung hat andere Schwerpunkte gesetzt.

Das heißt?

Gebauer: Es wurde mehr darauf geachtet, dass die Unterschiede zwischen Kindern möglichst nivelliert wurden. Aber Kinder sind unterschiedlich. Jedes bringt andere Talente mit, das heißt, wir müssen auch verschiedene Angebote vorhalten.

Also gab es eine falsche Nivellierung?

Gebauer: Wenn Sie mit Schulleitungen von weiterführenden Schulen sprechen, sagen die Ihnen viel zu oft, dass die Bewertung von Klausuren sich sehr verändert hat und tendenziell heute eher besser bewertet wird. Das hilft niemandem, denn wenn Unterschiede nicht mehr dargestellt werden, verlieren alle und das Niveau sinkt. Im Sinne von fairen Chancen für alle sollte es unser aller Anliegen sein, Veränderungen herbeizuführen.

Für die Inklusion, dem gemeinsamen Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderung, fordern Lehrerverbände die Doppelbesetzung der Klassen mit Lehrer und Sozialpädagogen. Was tun Sie?

Gebauer: Wir werden jetzt im Einzelnen analysieren, wie die Situation jeweils vor Ort aussieht. Wie viele Lehrer stehen zur Verfügung: Sind feste Sozialpädagogen vor Ort oder sind sie nur für ein paar Stunden dort? Welche Konzepte gibt es in den Schulen? Diese Daten werden wir erfassen. Dann müssen wir Schritt für Schritt umsteuern in Richtung Qualitätsstandards.

Die werden teuer sein. Auch Ihr Ressort, braucht viel Geld, um die selbstgesetzten Ziele zu erreichen. Wie viele Euro brauchen Sie?

Gebauer: Mehrere hundert Millionen. Mehr kann ich dazu noch nicht sagen. Genau kann ich das erst beziffern, wenn wir die konkreten Schritte benennen können.