Schulfach Wirtschaft hat Konjunktur

Bildungspolitik in NRW : Schulfach Wirtschaft hat Konjunktur

Die Gymnasien starten ab dem nächsten Schuljahr mit dem Schulfach Wirtschaft. Die anderen Schulformen folgen 2020/21. Den Schwerpunkt halten viele aber für falsch.

Die Bildungspolitik in NRW hat nach der G8/G9-Diskussion ihr neues Streitthema gefunden. Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) hat am Montag den Fahrplan für das Schulfach Wirtschaft vorgestellt: Vorreiter sind die Gymnasien, bei denen die ökonomischen Inhalte schon mit der Rückkehr zu G9 im nächsten Schuljahr gestärkt werden sollen. Die übrigen Schulformen von Real- über Haupt- bis zu Gesamt- und Sekundarschulen folgen ein Jahr später.

Aber das im Koalitionsvertrag vereinbarte Schulfach Wirtschaft stößt auf viel Kritik. Die SPD wirft der Regierungskoalition vor, sie höre „wieder einseitig auf das Rufen der Wirtschaft“. Anja Weber, Landesvorsitzende des DGB, spricht gar von einem „Kniefall vor der Wirtschaft“. Die Einführung des neuen Schulfachs an allen weiterführenden Schulen gehe vollkommen an der Realitiät vorbei. „Stattdessen brauchen wir mehr und bessere politische Bildung an nordrhein-westfälischen Schulen.“

Landes-SV: Politische Bildung wird geschwächt

Auch die Grünen-Bildungsexpertin Sigrid Beer spricht von einer tiefgreifenden Umstrukturierung der Lernbereiche: „Entgegen der Ankündigung, dass das neue Fach nicht zu Lasten der politischen Bildung gehen soll, geschieht genau das beim genaueren Hinsehen.“ Und die Landesschülvertretung vermisst klare Äußerungen zu den Inhalten und befürchtet ebenfalls eine noch stärkere Schwächung der politischen Bildung. Das Fach sei zudem „eine offene Tür für unreflektierte Lobbyarbeit der Unternehmen“.

Kritikpunkte, die die Ministerin allesamt zurückweist. „Die politische Bildung wird nicht zugunsten der ökonomischen gekürzt.“ Stattdessen solle in den meisten Fällen auf das Ergänzungsstunden-Kontingent zurückgegriffen werden, um Wirtschaftsinhalte zu stärken. Bei genauer Betrachtung ist das Ministerium ohnehin von der ursprünglichen Forderung nach einem reinen Fach Wirtschaft abgerückt. Man wolle, so Gebauer, den Schwerpunkt Wirtschaft umsetzen, „ohne das gesamte Gefüge auf den Kopf zu stellen“. Konkret soll das für die einzelnen Schulformen so aussehen.
Gymnasien: Die Einführung des Fachs Wirtschaft-Politik (statt bisher Politik/Wirtschaft) erfolgt mit dem kommenden Schuljahr und der Umstellung auf G9. Der entsprechend überarbeitete Kernlehrplan soll im nächsten Frühjahr in die Verbändebeteiligung gehen und dann ab dem Schuljahr 2019/20 in Kraft treten. Vorgesehen sind sieben Wochenstunden für das Fach Wirtschaft-Politik; weitere Ergänzungsstunden sollen vorrangig der ökonomischen Bildung dienen. Auch das Wahlpflichtfach Wirtschaft soll neu entwickelt werden.

Realschulen: In der Fächergruppe der Gesellschaftswissenschaften wird ab 2020/21 das neue Schulfach Wirtschaft geschaffen. Dabei wird der Stundenumfang der Gruppe erhöht. Die zusätzlichen Stunden werden aus dem Kontingent der Ergänzungsstunden genommen. Der Lehrplan Politik wird dafür von ökonomischen Inhalten befreit.

Hauptschulen: Der bisherige Lernbereich Arbeitslehre (Wirtschaft, Technik, Hauswirtschaft) wird zum Lernbereich Wirtschaft und Arbeitswelt weiterentwickelt. Dabei wird der der Stundenumfang des Faches Wirtschaft verstärkt. Gleiches gilt für den Wahlpflichtbereich.

Gesamt-/Sekundarschulen: In beiden Schulformen wird das neue Fach Wirtschaft-Politik eingeführt (bisher: Politik). Im Wahlpflichtbereich wird es wie in den Hauptschulen einen Lernbereich Wirtschaft und Arbeitswelt geben.

„Wirtschaftskompetenzen sind wichtige Alltagskompetenzen“, sagte Gebauer bei der Vorstellung der Pläne. Allerdings könnten sich an der Fächerbezeichnung im Zuge der Verbändebeteiligung noch Änderungen ergeben. Für Lehrer soll es Aus- und Fortbildungsangebote geben.

Rückhalt für die Pläne kommt vom Philologen-Verband. „Es ist richtig, dass Wirtschaft einen vernünftigen Stellenwert in der Schule bekommt“, sagte NRW-Landesvorsitzender Peter Silbernagel. Das müsse nicht zwangsläufig durch ein neues Fach passieren. Der Bundesverband Deutscher Volks- und Betriebswirte sprach von einem „großen Fortschritt für NRW. Wichtig sei jetzt eine zügige Ausbildung der Lehrkräfte.

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