NRW-Modell macht Schule: Sozialarbeiter sollen Salafisten stoppen

NRW-Modell macht Schule: Sozialarbeiter sollen Salafisten stoppen

Um das Abdriften junger Menschen in den Salafismus zu stoppen, hat NRW ein erfolgreiches Präventionsprojekt gestartet. Niedersachsen will das Konzept der Beratungsstellen kopieren. Aber können Sozialarbeiter potenzielle Gotteskrieger stoppen?

Hannover/Düsseldorf. Die Angst eint Angehörige, Sicherheitsbehörden und Moscheegemeinden: Immer mehr junge Menschen geraten in die Fänge von Salafisten. Sie schließen sich Terrorkämpfern in Syrien an oder vertreten auch hierzulande ihre radikal-islamischen Ansichten mit Gewalt. Ein in Nordrhein-Westfalen erfolgreich gestartetes Präventionsprogramm dient Niedersachsen nun als Vorbild.

Mit den muslimischen Verbänden sollen in Hannover und Braunschweig Beratungsstellen geschaffen werden, in denen Sozialarbeiter Eltern, Lehrern, Jugendverbänden und Betroffenen Rat geben. An diesem Montag will das Sozialministerium in Hannover Eckpunkte mit den Verbänden abstecken. Diese waren wie auch in NRW zunächst misstrauisch.

„Wir können uns vor Anfragen nicht retten“, sagt Islamwissenschaftler Michael Kiefer vom Vorstand des Projekts „Wegweiser“ in Düsseldorf. Dort, in Bochum und Bonn starteten im März die ersten Beratungsbüros in NRW. „Das ist ein sehr niedrigschwelliges Angebot.“

Neben einer Telefon-Hotline gibt es tägliche Öffnungszeiten. „Bei uns kommen besorgte Eltern vorbei, aber auch tatsächlich Leute aus der Szene, die sich wieder herausbewegen wollen.“ Im nächsten Jahr sollen weitere Beratungsstellen in Wuppertal, Köln, Duisburg und anderen Städten geschaffen werden.

„Es gab von gewissen Moscheegemeinden große Vorbehalte, aber im Laufe der Arbeit konnten wir vielerorts das Misstrauen zerstreuen“, sagt Kiefer. „Wir arbeiten absolut vertraulich und geben keine Informationen weiter.“

Als Wissenschaftler an der Uni Osnabrück arbeitet er auch am niedersächsischen Präventionskonzept mit. Der Handlungsbedarf sei groß, nicht nur in den Ballungsgebieten, wie die von Salafisten mit angefachten Krawalle mit jesidischen Kurden kürzlich in Celle gezeigt hätten.

„Alle sind sich einig, es muss etwas getan werden“, sagt der Osnabrücker Islamwissenschaftler Prof. Rauf Ceylan, der das Sozialministerium bei der Schaffung der Präventionsstelle berät. „Die Verbände haben die größten Ängste um die eigenen Kinder.“ Die Beratungsstelle solle als Frühwarnsystem dienen und etwa von Schulen kontaktiert werden, wenn Lehrer den Eindruck haben, dass Salafisten Einfluss auf einzelne Schüler gewinnen.

An praktikablen Konzepten, um einer Radikalisierung junger Menschen entgegenzutreten, wird auch in anderen Bundesländern wie Hessen und Hamburg gearbeitet. In Bremen beraten Sozialarbeiter eines Vereins bereits Betroffene. Vorangegangen waren in NRW und Niedersachsen, aber auch in anderen Ländern vergebliche Versuche, über Hotlines beim Innenministerium oder Verfassungsschutz an mögliche Aussteiger heranzukommen, wie dies beim Rechtsextremismus praktiziert wird.

Wie Niedersachsens Verfassungsschutzpräsidentin Maren Brandenburger sagte, sei die Hemmschwelle, darüber Kontakt aufzunehmen, zu hoch gewesen. Das Aussteigerprogramm habe sich nicht übertragen lassen.

Der Anlauf zu einem neuen Konzept war für Rot-Grün in Niedersachsen besonders schwer, weil der vorherige CDU-Innenminister Uwe Schünemann die Verbände mit verdachtsunabhängigen Personenkontrollen vor Moscheen nachhaltig verärgert hatte. Sein Antiradikalisierungskonzept mit einer Islamisten-Checkliste zum Erkennen von Verdächtigen sorgte ebenfalls für Ärger. Nach dem Regierungswechsel 2013 landete es im Papierkorb.

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