Loveparade-Unglück: Wie ahnungslos war der Minister?

Loveparade-Unglück: Wie ahnungslos war der Minister?

Kurz vor dem Desaster ließ Ralf Jäger in der Polizei-Führungszentrale in Duisburg Erinnerungsfotos machen.

Düsseldorf. Die Katastrophe der Duisburger Loveparade mit 21 Toten jährt sich bald zum zweiten Mal. Die Ermittlungen laufen immer noch, ein Ende ist nicht abzusehen.

Doch bislang unveröffentlichte Unterlagen, die unserer Zeitung vorliegen, lassen Zweifel aufkommen, ob in der Polizeiführung alles so reibungslos lief, wie NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) dies bislang dargestellt hat.

Für Jäger ist die Frage der Verantwortung nämlich längst geklärt — zumindest was die Polizei betrifft: Die war optimal vorbereitet, hat alles richtig gemacht, und deshalb trifft sie keinerlei Schuld. Das hat Jäger nach der Katastrophe stets behauptet.

Das neue Material belegt jedoch, dass Jäger kurz vor der Katastrophe offenbar völlig ahnungslos darüber war, was sich auf dem Gelände der Loveparade zusammenbraute.

Noch um 16.23 Uhr behauptete er in einem Interview für einen Werbefilm: „Die Einsatzkräfte sind top vorbereitet, ich bin da wirklich stolz drauf, dass das so kompetent durchgeführt wird.“ 40 Minuten später gab es den ersten Toten.

Zuvor war Jäger noch zu Besuch im Führungsraum der Polizei, von wo der Polizeieinsatz koordiniert wurden. Nach Informationen unserer Zeitung gibt es Zeugenaussagen, wonach Jäger dabei unter anderem einen Polizeibeamten in den Raum holen ließ, um ihm eine Urkunde zu überreichen. Alles soll von einem Fotografen festgehalten worden sein.

Laut den Zeugenaussagen sollen auch zwei Referenten aus Jägers Ministerium anwesend gewesen sein, die auf den Minister warteten und dabei die beiden höchsten Polizeiführer in ein Gespräch verwickelten.

Diese seien deshalb für das Team nicht ansprechbar gewesen — auch nicht, als bereits immer mehr Alarmmeldungen von der späteren Katastrophenstelle einliefen.

Aus einem Gutachten des britischen Professors Keith Still geht hervor, dass die Katastrophe bereits um 15.15 Uhr absehbar war. Ein Sicherheits-Mitarbeiter soll als Zeuge ausgesagt haben, dass er gegen 15.30 Uhr mehrfach Polizeiunterstützung angefordert hat — vergeblich. Die Beamten kamen erst, als es bereits die ersten Toten gegeben hatte.

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