Schulpolitik: Individuelle Lernzeiten statt G8 oder G9

Schulpolitik : Individuelle Lernzeiten statt G8 oder G9

Die Grünen haben ihre Vorstellungen von den künftigen Wegen zum Abitur konkretisiert. Alle Schulen sollen beide Möglichkeiten anbieten.

Düsseldorf. Die Grünen haben ihre Vorstellung von einem individuelleren Weg zum Abitur konkretisiert. Schulministerin und Spitzenkandidatin Sylvia Löhrmann will erreichen, dass an allen Gymnasien und Gesamtschulen eine acht- oder neunjährige Schulzeit (G8/G9) möglich wird. Zusammen mit Sigrid Beer, der schulpolitischen Sprecherin der Landtagsfraktion, stellte sie zwei mögliche Wege für die Gestaltung der individuellen Lernzeiten in der Sekundarstufe I vor.

Sylvia Löhrmann.

Laut Löhrmann trägt das Konzept der Grünen der einhelligen Forderung des Runden Tisches zum Turbo-Abitur Rechnung, ein Grundmodell für alle Schulen zu schaffen und die Entscheidung über G8 oder G9 nicht den jeweiligen Schulkonferenzen zu überlassen. Nach Vorstellung der Grünen soll es eine Entscheidung über den weiteren Schulweg nach der Erprobungsstufe (Klasse 6) geben.

Sigrid Beer.

Nach Klasse 6 könnten die Schulen dann wählen: Entweder bieten sie einen dreijährigen und einen vierjährigen Zweig bis zur Oberstufe an. Oder sie ermöglichen allen Kindern neben dem Unterricht im Klassenverband individuelle Lernzeiten, in denen gegebenenfalls je nach Lernfortschritt der Unterrichtsbesuch in höheren oder niedrigeren Jahrgangsstufen möglich ist und die Zeit bis zur Oberstufe entsprechend länger oder kürzer ausfällt.

Die erste Variante ist nur bei größeren Schulen mit entsprechenden Schülerzahlen möglich; die zweite Variante soll auch kleineren Schulen ermöglichen, G8 und G9 parallel anzubieten, könnte aber auch von größeren Schulen gewählt werden. Derzeit ist etwa ein Drittel der 625 öffentlichen und privaten Gymnasien dreizügig oder kleiner.

Nach der Vorstellung der Grünen würde an den Gymnasien grundsätzlich wieder der mittlere Bildungsabschluss vor Eintritt in die Oberstufe erworben. Die zweite Fremdsprache soll nicht mehr in Klasse 6, sondern erst in Klasse 7 eingeführt werden. Durch die Entscheidung, die individuelle Lernzeit auf die Schulphase zwischen den Klassen 7 und 10 zu konzentrieren, bliebe die Oberstufe im Grünen-Modell dreijährig „und damit vergleichbar mit den Gesamtschulen, den Berufskollegs und den Regelungen in den meisten anderen Bundesländern“, so Löhrmann.

In dem Modell der Grünen gebe es „keine Rolle rückwärts, sondern es geht darum, die Entwicklung weiterzuführen“. Damit wolle man die festgefahrene Strukturdebatte befrieden. Löhrmann berief sich auf die 1995 auf Initiative des damaligen Ministerpräsidenten Johannes Rau (SPD) vorgelegte Denkschrift „Zukunft der Bildung — Schule der Zukunft“, die erstmals die Kinder in den Mittelpunkt gerückt habe. Das Schulsystem müsse sich den individuellen Lernbedürfnissen der Kinder anpassen und nicht umgekehrt.

Die Grünen legten zusammen mit ihrem Modell auch einen Fahrplan vor. Es solle eine „zügige Umsetzung“ geben, kündigte Beer an. Während unmittelbar nach der Landtagswahl eine Schulgesetznovelle auf den Weg gebracht werden soll, schwebt den Grünen ab dem Schuljahr 2017/2018 eine Fortbildungsoffensive für die Lehrer vor, um sie auf die Umstellung vorzubereiten.

Ab dem Schuljahr 2018/2019 soll dann die zweite Fremdsprache erst ab Klasse 7 eingeführt werden. Die Schulkonferenzen könnten entscheiden, ob sie die individuellen Lernzeiten schon parallel oder erst ein Jahr später einführen wollen. Spätestens ab dem Schuljahr 2019/2020 würde dann aber das parallele G8/G9-Modell an allen Schulen angeboten werden.

An den Vorschlägen von CDU und FDP kritisierte Löhrmann, durch die Übertragung der Systementscheidung auf die Schulebene würde dort „eine ungute Konkurrenzsituation“ entstehen. Das SPD-Modell einer verkürzten Oberstufe führe dort zu einer Stundenmaximierung. Außerdem müsse die Sekundarstufe I dann von ganz unten neu aufgebaut werden. Eine völlige Unvereinbarkeit der unterschiedlichen Vorschläge sehen die Grünen aber nicht.

Für den Januar kündigten sie einen Schulkongress in Düsseldorf an, auf dem sich Gymnasien und Gesamtschulen präsentieren, die heute schon mit individuellen Lernzeiten arbeiten.

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