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Besuch im Landesarchiv Duisburg: Gebäude mit Ecken und Kanten

Besuch im Landesarchiv Duisburg : Gebäude mit Ecken und Kanten

Der Neubau mit dem markanten Spitzdach wird viel gelobt. Bloß über die Finanzaffäre beim BLB schweigt man immer noch.

Duisburg. Frank M. Bischoff ist ein glänzender Kommunikator. Der Präsident lobt „sein“ Gebäude, das Landesarchiv NRW am Hafenkai in Duisburg, in den höchsten Tönen. „Endlich ein Haus, das klimatisch und logistisch all unseren Wünschen entspricht. Besser als das zu kleine Archiv in der Düsseldorfer Mauerstraße. Nicht zu vergleichen mit Schloss Kalkum, wo das Klima je nach Wetterlage rauf und runter ging“, sagt er.

Er ist seit September 2013 Chef des Archivs und zog zwei Monate später zur Schifferstraße 30 in Duisburg. Die Kostenexplosion der Immobilie lag lange vor seiner Zeit. Er kassiert die Architekturpreise ein, die das Gebäude seitdem erhält.

Im landeseigenen Bau- und Liegenschaftsbetrieb BLB will niemand etwas über die mutmaßlichen Spekulationen wissen, die dazu führten, dass ein Investor das Grundstück 2007 für 3,85 Millionen Euro anbieten und zwei Jahre später für satte 17 Millionen Euro plus acht Millionen Ablösesumme für einen 30-jährigen Mietvertrag plus vier Millionen bisherige Planungskosten an den BLB verkaufen konnte. Pressesprecher Thomas Tintelot erklärt freundlich-reserviert: „Für uns ist das Thema erledigt. Das Haus ist bezogen. Es funktioniert gut.“ Auf die Frage, wo denn der ehemalige Geschäftsführer Ferdinand Tiggemann abgeblieben sei, den die Landesregierung 2010 abgerufen hat, gibt es keine Antwort.

Die Wuppertaler Staatsanwaltschaft untersucht, aber auch der parlamentarische Untersuchungsausschuss des Landtags beschäftigt sich damit. Vor wenigen Tagen hatte der Ausschuss seine 34. Sitzung und befragte neue Zeugen. Es heißt, man werde bis 2017 tagen.

Derweil führt Präsident Bischoff voller Stolz durch das Haus, in Begleitung des Architekten Christian Heuchel vom Büro Ortner & Ortner Baukunst. Der Fahrstuhl führt fast bis in den Dachstuhl mit seiner beeindruckenden Konstruktion aus grazilen Ziegeln, durch die man bis ins Ruhrgebiet schauen kann. Das Spitzdach ist eigentlich kein Spitzdach, es beschützt nicht. Die Ziegel hängen fast frei. Das tatsächliche Dach ist flach. Die Turmspitze behütet lediglich die Technikzentrale.

Zurück geht es in den Kern des alten Getreidespeichers von 1936. Der Pfiff: In diesen Altbau ließen Ortner & Ortner einen Hochbunker setzen, die höchste Landmarke von Duisburg. Und die Schönste. Heuchel erzählt, wie genau die Statik berechnet werden musste, wie Bunker und Speicher gesonderte Fundamente erhielten. Denn eines darf nicht sein, dass der neue Turm auch nur minimal schwankt. Hunderte Regalkilometer würden ins Schwanken geraden und könnten die Magazinarbeiter verletzen.

Feuersicherheit ist in diesem „Gedächtnis des Landes“, wie es so schön heißt, besonders groß geschrieben. Überall sind Brandschutzkammern und Schleusen, gibt es rote und grüne Warnleuchten sowie Spezialschlüssel zum Durchkommen. Denn das Landesarchiv ist zwar besucherfreundlich, aber all die Pappkartons mit den Dokumenten seit dem 7. Jahrhundert darf niemand ohne besondere Erlaubnis anfassen. Dafür ist der Lesesaal da. Dort stehen 40 PCs für 100 Besucher bereit, und es helfen Fachleute bei der Recherche.

Beim Herausgehen streift der Blick über die äußere Haut. Wie liebevoll sind die alten Reliefziegel überarbeitet und die neuen angepasst. Alle Fenster sind zugemauert, das neue Mauerwerk hat den helleren Ziegelton. So sah vor 90 Jahren das Gebäude aus. „Eines Tages in hundert Jahren wird sich das Alte und das Neue angeglichen haben“, sagt Heuchel. Der Ruhrpott macht es möglich.