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„Circular Valley“ – ein neuer NRW-Trumpf, der von Wuppertal ausgeht?

Unternehmung : „Circular Valley“ – neuer Trumpf für NRW, der von Wuppertal ausgeht?

Der Wuppertaler Carsten Gerhardt und seine Mitstreiter suchen einer substanziellen Idee Leben zu geben – und finden fast nur Leute, die darauf gewartet haben

Das Silicon Valley in den USA kennt jeder. Im südlichen Teil der San Francisco Bay Area ist die bedeutendste IT- und Hightech-Industrie der Welt zuhause. Eine Region, ungefähr 70 Kilometer lang und 30 Kilometer breit. Dort begann in den 1950er Jahren mit der Errichtung eines Forschungs- und Industriegebiets neben der Stanford University eine Ära, in der mutige Mitarbeiter von Elektronikunternehmen und Uni-Absolventen kleine Start-ups gründeten, die damals noch nicht so hießen, aber das gleiche waren. Sie entwickelten neue Ideen und Produkte.

Carsten Gerhardt (Foto unten, G. Bartsch) mag diese Anlehnung an das Silicon Valley, wenn er auf seine Idee zu sprechen kommt. Gerhardt, 51, Unternehmensberater und Partner bei dem Beratungsunternehmen A.T.Kearney, will etwas grundsätzlich Ähnliches schaffen, und wenn man die Tatkraft des Chefs der Wuppertal Bewegung e.V., eines Vereins, der sich seit 2006 privat-bürgerlich mit Projekten wie Nordbahntrasse oder Schwarzbachtrasse für die Stadtentwicklung Wuppertals einsetzt, kennt und dazu das Leuchten in seinen Augen sieht, ahnt man, dass aus der Vision Realität werden kann.

„Circular Valley“ – so heißt das neue Vorhaben der Wuppertal Bewegung e.V. , das eine Idee für fast ganz Nordrhein-Westfalen ist und zum Start Wuppertal in die Mitte nehmen soll: Gerhardt will die Rhein-Ruhr-Region zum Mekka der zirkulären Wertschöpfung machen. Es soll ein globales Projekt für eine echte ressourcenschonende Kreislaufwirtschaft mit teilweise komplett neuen Geschäftsmodellen werden. Globale Entwicklungen für die zirkuläre Wertschöpfung sollen von hier aus in die Welt gehen. Um es einfach zu sagen: ein Platz, eine Institution, in der Unternehmen und Wissenschaftler zusammen daran arbeiten, wie die Welt Abfall nicht mehr in der Welt hinterlässt, sondern wiederverwertet und also sauberer wird. Gerhardt und seine Mitstreiter glauben, eine Lücke im System gefunden zu haben. Denn systematisch und in einer ganzen Region wird in diesem Bereich noch nicht geforscht und entwickelt.

Carsten Gerhardt ist der Vorsitzende der Wuppertal Bewegung e.V. – er hat das Projekt wesentlich erdacht. Foto: Bartsch,G. (b13)

„Wir rennen zum Glück überall offene Türen ein“, sagt der sportliche Hüne. Bei Unternehmen, bei der Politik, dort eben, wo es am Ende auch fruchten muss, wenn aus einer Idee ein Investment werden soll. Das sich vergrößern und abwerfen kann. Gerhardt hat mehr als einhundert Weltmarktführer aus produzierenden Industrien in einem Umkreis von etwa 70 km um Wuppertal ausgemacht. „Alle diese Firmen haben Bedarf, Stoffkreisläufe zu schließen – oder bekommen ihn“, sagt er. Was er und seine Mitstreiter gemeinsam mit den Weltmarktführern der Region schaffen wollen: Dass junge Start-ups und die Unternehmen zusammenkommen, Bedarfe ermitteln und Lösungen entwickeln, die man später exportieren kann.

Der Gaskessel in Wuppertal-Heckinghausen soll das Zentrum des Circular Valley werden. Passend als Monument der Industriekultur, das selbst recycelt wurde: In Betrieb genommen mit einem Restaurant, darüber drei Etagen und mit 360° und 6000 Quadratmetern Projektionsfläche die größte Multivisionsleinwand Europas im Rund mit einzigartigen Projektionsshows. Gerhardt nennt es den „coolsten Pitchplatz, den man sich in Europa nur vorstellen kann“. Dort soll die Circular Valley GmbH rein, gleichsam als “Nabe“. „Von dort gehen die „Speichen“ nach Köln, Duisburg und den anderen Städten. Circular Valley ist überall, Wuppertal ist nur der Kristallisationspunkt“, sagt Gerhardt. Auf dem Gelände in Wuppertal-Laaken stellt das Wuppertaler Traditionsunternehmen Vorwerk ab dem vierten Quartal dieses Jahres Räume zur Verfügung, in die Innovativen aus aller Welt einziehen und Lösungen erarbeiten sollen.

Foto: WZ/Ritter, Andreas

Gerechnet wird mit zwei Millionen Euro an jährlichen Kosten

Die Wuppertal Bewegung soll nur ein Träger der neuen GmbH sein, am Ende sollen es auch die vielen Partnerunternehmen tragen.  Die jährlichen Kosten von rund zwei Millionen Euro sollen zur Hälfte aus der Wirtschaft und zur anderen Hälfte aus öffentlichen Fördermitteln kommen. „Der Gesamtbetrag hängt letztlich davon ab, wie viele Startups wir am Ende hierherholen“, sagt Gerhardt. Ende dieses Monats soll es ein erstes Treffen von Unternehmen und Wissenschaftlern geben, um genauer festlegen, was die gemeinsamen Interessen, die Schnittmengen sind. „Wir wollen ja Synergien und nicht lauter Einzellösungen schaffen“, sagt Gerhardt.

Dass es einen Bedarf für Recycling-Lösungen und generell neue Wege zu Wirtschaften gibt, ist unzweifelhaft. Nur einige Daten zur Illustration: 100 Milliarden Tonnen Emissionen werden jedes Jahr in Luft, Wasser und auf dem Land freigesetzt. 40 Kilogramm pro Person und Tag kommen zusammen, die wir an Stoffen in die Natur freisetzen, etwa CO2, Baustoffabfälle oder Plastik. „Das alles sind Stoffe, die wir an Orte verbringen, wo sie nicht hingehören“, sagt Gerhardt. Allein rund 13 Kilogramm CO2 setzt der Mensch im Schnitt täglich frei. Und: „Wir nehmen jede Woche pro Mensch fünf Gramm Mikroplastik auf, das ist so viel wie eine Kreditkarte“, sagt Gerhardt.

Die Aktivistengruppen sind schon lange sehr laut, die Verbraucher zusehends genervt; die EU geht gerade den Green Deal an und hat das Thema Recycling, mit dem Unternehmen längst nicht nur lästig Zusatzschichten verrichten müssen, sondern beim Verbraucher auch punkten können, auf der Tagesordnung ganz oben. Die Firmen sehen gar Reputationsrisiken, haben aber zu wenig Lösungen. „Eine Aludose wird aufwendig hergestellt, in den meisten Teilen der Welt wird sie danach weggeworfen. Wir müssten vermeiden, dass sie am Ende in die Umwelt geht“, sagt Gerhardt und zeigt unterschiedliche Wege auf: „Der kleinste Kreislauf, der geschlossen ist: Ich nutze es wie die Tupperdose. Man kann mechanisch und auch chemisch recyceln. Der größte Kreis: Ich nehme alternative Rohstoffe“, beschreibt er einen Weg. „Wenn ich Plastik aus dem Kohlendioxid der Luft und Wasserstoff aus erneuerbarer Energie herstelle, was geht, dann kann ich es am Ende auch verbrennen.“

Gerhardt zeigt bei der Gelegenheit gerne ein selbst aufgenommenes Foto aus einem Nationalpark in Namibia. Darauf sind fünf Abfalltonnen zu sehen: Auf ihnen steht Plastik, Metall, Glas – und zwei, auf denen „Anderes“ adressiert ist. Schon die ersten drei Tonnen sind aber problematisch: „Es gibt zwei Dutzend verschiedene Plastik-Untergruppen, die man nicht mischen darf. Bei Metallen werden heute so viele Legierungen hergestellt, dass die großen Firmen Probleme haben, die Legierungen wiederzuverwenden. Und Glas? Ist häufig verschmutzt und hat hohe Keramik-Anteile.“ Wer diesbezüglich Lösungen findet, sichert alte Jobs und lässt neue Geschäftsfelder und Arbeitsplätze entstehen, da ist Gerhardt sich sicher.

Unmittelbare Nähe zum
Geburtsort des Bayer-Konzerns

Die Idee, über diese Theorien ziemlich praktisch ausgerechnet in Nordrhein-Westfalen nachdenken zu lassen, kam Gerhardt im vergangenen August bei der Eröffnung des Gaskessels in Heckinghausen, der 100 Meter entfernt vom Geburtsort von Bayer steht. „Da kam mir die Idee, dass man daraus mehr machen müsste.“ Jetzt, sagt er, sollen die „richtigen Leute nach Wuppertal kommen“. Dorthin, wo in Barmen um 1870 alles losgegangen ist. „Hier wurde Bayer als das größte Chemieunternehmen der Welt gegründet. Hier geht es jetzt wieder los.“ Gerhardts Augen leuchten.

Dass NRW, die Rhein-Ruhr-Region dafür richtig ist, davon ist er überzeugt. „Wir brauchen eine gemeinsame Bedeutung für die Region. Wir fallen international auf, wenn wir dieses eine gemeinsame Thema haben. Global ist eine Stadt heute doch nichts mehr“, sagt Gerhardt.

Er zeigt auf die vielen Unternehmen, auch der Abfallwirtschaft wie Remondis in Lünen oder den Grünen Punkt in Köln. Er nennt die reiche Forschungslandschaft, auch mit dem Wuppertal-Institut, der Bergischen Uni, dem Thinktank CSCP und etwa auch den Fraunhofer Instituten. Er zählt auf eine hochattraktive und weltoffene Einwanderungsregion, die multikulturell kann. Und Gerhardt sagt: „Hier hat die industrielle Revolution begonnen. Wenn man die zirkuläre Wirtschaft als fünfte industrielle Revolution ansieht, schließt sich ein Kreis.“. Gerhardt ist sich der Sache sicher. „Es ist ein riesiges Zukunftsthema, das wir jetzt hier anpacken können. Kein Ort der Welt kümmert sich um hochwertige Recyclinglösungen und neue Geschäftsmodelle der zirkulären Wertschöpfung. Wenn es wo gelingen kann, dann jetzt hier.“