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25 Jahre nach dem Anschlag: Brandanschlag in Solingen: "Die Toten hätten meine Geschwister sein können"

25 Jahre nach dem Anschlag : Brandanschlag in Solingen: "Die Toten hätten meine Geschwister sein können"

Für Schriftstellerin Hatice Akyün "knallte" der Brandanschlag in Solingen 1993 in ihr "unbeschwertes Leben, das so frei war von Rassismus". In einem Gastbeitrag für unsere Redaktion blickt sie zurück.

Dieser Geruch des kalten Rauches, der über der Stadt hing. Das Bild des abgebrannten Fachwerkhauses, dessen Balken wie ein Gespenst in den blauen Himmel ragten. Eine Erinnerung, die bis heute tief in meinem Bewusstsein verankert ist. Ich möchte nicht eingebrannt schreiben, weil es respektlos wäre gegenüber den Opfern. Gegenüber Mevlüde Genc, die zwei ihrer Töchter, ihre Nichte und zwei Enkelinnen verlor, gegenüber Bekir Genc, dem 36 Prozent seiner Haut, sein rechtes Ohr und seine Jugend in dieser Nacht verbrannten. Die Bundesrepublik Deutschland verlor an diesem Tag die Illusion, dass Brandanschläge gegen Ausländer in Deutschland Nachwehen des DDR-Sozialismus seien. Bis zu dieser Nacht war die Stadt Solingen nur bekannt für seine scharfen Klingen. Die Flammen machten die Kleinstadt unrühmlich berühmt.

Ich war 23 Jahre alt, wir verbrachten mit Freunden die Nacht im „Old Daddy“, einer angesagten Disko in Duisburg. Der Anschlag knallte in mein unbeschwertes Leben, das so frei war von Rassismus. Mir wurde klar, die Toten hätten meine Geschwister sein können. Vielleicht fühle ich mich Mevlüde Genc deshalb so nah, weil sie aussieht wie meine Mutter. Sie bindet ihr Kopftuch genau wie sie, mit zwei Knoten unterhalb ihres Kinns.

Die Ruine des Hauses ist längst abgetragen, die Asche ist erkaltet. 25 Jahre ist das nun her, die Präsens der Bilder ist klar und deutlich, wie es der Rassismus in Deutschland heute noch ist. Dieses „nie wieder“, das Opfer seit Jahrzehnten hören, muss wie Hohn klingen. Bald ist auch der NSU-Prozess in München vorbei. „Nie wieder“ werden wir dann sagen, wenn Beate Zschäpe verurteilt wurde. Wenn sie lebenslänglich bekommt, ist der Fall dann abgeschlossen? Lehnen wir uns dann beruhigt zurück? Die Blutspur, die der NSU über zehn Jahre durch Deutschland gezogen hat, ist von den Sicherheitsbehörden weder konsequent verfolgt noch in den richtigen Zusammenhang gestellt worden

Als Bundespräsident Johannes Rau einmal gefragt wurde, ob und wann er einmal am Sinn von Politik gezweifelt habe, sagte er: „Nach dem Brandanschlag von Solingen“. Als er als Ministerpräsident vor der Ruine in der Unteren Wernerstraße stand: „Da habe ich gedacht, es lohnt sich alles nicht; du kannst die Welt nicht verändern.“ Was würde Johannes Rau heute wohl sagen? Seine Empathie fehlt. Seine Worte fehlen in diesen Tagen.

Er hat auf dem Sofa der Familie Genc gesessen. Zu jedem Gedenktag seit 25 Jahren haben Politiker in Solingen vorbeigeschaut, immer wieder mahnende Worte gesagt. Auch in diesem Jahr werden sie kommen und Reden halten. Zum ersten Mal mit dem türkischen Außenminister Mevlüt Cavusoglu auch ein ranghoher türkischer Politiker. Es ist gerade Wahlkampf in der Türkei und man hofft inständig, dass Gedenktag und Wahl nichts miteinander zu tun haben. Sollte er es sich nicht verkneifen können den Auftritt für seine Partei nutzen zu wollen, würde er die Angehörigen der Opfer beschämen.

Manchmal verzweifele ich daran, dass Geschichte, Aufklärung und Vernunft in unserem Land keine Wirkung haben, wenn ich die tausenden Menschen sehe, die zur Wahrung des Abendlandes — was immer das in ihren Augen auch sein mag — auf die Straße gehen. Diese Mischung aus „besorgten Bürgern“ und rechtsradikalem Gedankengut ist beängstigend.

„Wehret den Anfängen“ heißt es doch immer, wenn wieder einmal Flüchtlingsheime brennen, Menschen aufgrund ihrer Herkunft angegriffen werden gegen Menschen anderen Glaubens gehetzt wird. Wie viele Anfänge muss es noch geben? Die Zahl der rechten Gewalttaten mit fremdenfeindlichen Hintergrund hat sich seit dem Anschlag auf Solingen vervierfacht.

Die Bilder werden mich nie mehr verlassen. Ich sehe das abgebrannte Fachwerkhaus, die Menschen, die kniend beteten, Zehntausende, die mit Lichterketten durch die bundesrepublikanischen Straßen zogen. Und dann, Mevlüde Genc, die auf der Trauerfeier vor den fünf Särgen am Mikrofon steht, ihre Tränen wegwischt und mit gebrochener Stimme sagt: „Wir müssen vergessen, die Trauer überwinden und gemeinsam eine andere Art des Umgangs miteinander finden.“ Und die Enden ihres Kopftuches nicken dazu.