Algorithmus soll Straftäter in NRW vor Suizid bewahren

Düsseldorf : Algorithmus soll Straftäter in NRW vor Suizid bewahren

Wie Künstliche Intelligenz aus Sachsen zukünftig Suizidabsichten von NRW-Strafgefangenen erkennen soll.

Künstliche Intelligenz hilft wohl in baldiger Zukunft dabei, Suizide in Gefängnissen zu verhindern. „Der Staat hat die Aufgabe, das Leben jedes einzelnen zu schützen, und dies umso mehr, je stärker die Betroffenen von seiner Fürsorge abhängig sind“, sagte NRW-Justizminister Peter Biesenbach (CDU) am Dienstag bei der Vorstellung des neuen Vorhabens. „Die Augen und Ohren der Mitarbeiter können nicht überall sein“, meinte Biesenbach über die Justizmitarbeiter. Deshalb sei die Technik eine nützliche Ergänzung.

Den Zuschlag für das Forschungsprojekt „ereignisgesteuerte Videoüberwachung mit automatisierter Situationseinschätzung als Instrument der Suizidverhinderung in den Justizvollzugsanstalten Nordrhein-Westfalen“ bekam ein Unternehmen aus Sachsen. Die Leiter waren extra aus Chemnitz angereist, um das Projekt vorzustellen. Karsten Schwalbe, promovierter Physiker, erklärte die Umfeld- und Personenerkennung genauer.  So soll das lernfähige Überwachungssystem zum einen Objekte, wie zum Beispiel Messer und Schlingen, und zum anderen riskante Verhaltensweisen erkennen können. Ein Algorithmus soll die Bilder auf Basis von Expertenwissen, also Psychologen und Suizidbeauftragten, auswerten und dann ein Signal an die Vollzugsbeamten senden. „Eine Skala zeigt das Suizidpotenzial an“, sagte Schwalbe. „Die Herausforderung besteht in den verschiedenen Formen der Objekterkennung“, erklärte Schwalbe. Um das lernfähige System darin zu trainieren, soll in Chemnitz eine Gefängniszelle aus NRW nach gebaut werden, in welcher mit Studenten reale Situationen nachgestellt werden sollen.

Technik dient nur als Unterstützung

Doch so intelligent das System auch sein mag, Minister Biesenbach schränkte gleich ein: „Es kann nicht verhindert werden, dass es weitere Suizide gibt.“ Die Technik könne nur unterstützend wirken. „Die Erkenntnis, ob eine Gefährdung vorliegt, liegt immer noch bei den Mitarbeitern des Gefängnisses.“ Denn: nur Personen, die als suizidgefährdet eingestuft sind, werden überhaupt überwacht. Der Suizid eines 61-Jährigen in der JVA Düsseldorf am Montag dieser Woche hätte also auch mit neuster Technik nicht verhindert werden können.

Auch wenn man von der Technik „keine Wunder erwarten solle“, will Justizminister  Biesenbach perspektivisch gesehen die bisherigen Suizidpräventionsstrategien dadurch ersetzen.

Aktuell werden Suizidgefährdete in besonders gesicherten Hafträumen überwacht. Eine andere Strategie sieht die Kontrolle bei Licht im 15-Minutentakt vor. Eine Methode, die der wegen Untreue und Steuerhinterziehung verurteilte Thomas Middelhoff für seine Autoimmunkrankheit verantwortlich macht. Ob eine Person Anzeichen zur Gefährdung zeigt, wird in einem Screening festgestellt. Im ersten Jahr wird das Screening durch Experten laut Biesenbach alle drei Monate durchgeführt. Zudem würden die Inhaftierten in emotional aufwühlenden Situationen begleitet: Wenn etwa die Partnerin die Scheidung einreicht oder ein Familienmitglied gestorben ist. Das auf ein Jahr angesetzte Forschungsprojekt ist laut Biesenbach deutschlandweit einmalig und kostet 160 000 Euro. Die Justizvollzugsanstalt Düsseldorf nimmt als erstes Gefängnis an Tests im Realbetrieb des Projekts teil.