Krach, Krise – Kanzlerdämmerung

Erstmals seit zwei Jahren ist Angela Merkel bei Anne Will zu Gast – und erklärt ihre Politik einem Millionenpublikum.

Berlin. Weltweite Wirtschaftskrise, Angst bei Opel, Knatsch in der Koalition und Gegrummel in den eigenen Reihen. Ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl steht Kanzlerin Angela Merkel mitten in den wohl größten Herausforderungen ihrer Amtszeit.

Erstmals seit mehr als zwei Jahren wollte die CDU-Vorsitzende am Sonntagabend ihre Politik in einer Talkshow vor einem Millionenpublikum erklären. Eine Stunde lang saß sie als einziger Gast bei Anne Will in der ARD.

US-Präsident Barack Obama macht es, SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier auch - Auftritte in Fernseh-Shows sind in der Politik derzeit beliebt. Und nun Merkel. Doppeldeutiger Titel der Sendung: "Die Kanzlerin in der Krise."

Zuletzt trat sie Ende 2006 in Talkshows auf. Damals konnte Merkel auf das erste Jahr ihrer Regierung zurückblicken, die Koalitionäre arbeiteten noch ohne großen Streit ihre Projekte ab. Die Zahl der Arbeitslosen war unter die Vier-Millionen-Marke gefallen. Schwarz-Rot hatte keine wirklich großen Probleme. Nur mit den Ländern gab es schon damals Ärger: Merkel kämpfte gegen einen Flickenteppich beim Nichtraucherschutz.

Heute ist die Lage völlig anders. Die Kanzlerin wolle "angesichts der Sorgen vieler Menschen die weiteren Schritte aus der Krise deutlich machen und in der Diskussion um die Marktwirtschaft klar Position beziehen", kündigte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm Merkels Talk-Schwerpunkte an.

Die Kanzlerin will Klartext reden, Führung demonstrieren - und den Menschen Mut machen. Beim Thema Opel hat sie dazu im direkten Gespräch mit Betroffenen Gelegenheit: Eine Familie aus Südhessen sitzt in der Sendung, seit drei Generationen arbeiten die Männer bei dem Autohersteller in Rüsselsheim.

Doch auf konkrete Zusagen der Kanzlerin kann die Familie kaum hoffen: Union und SPD streiten sich nach wie vor darum, ob und wie der Staat Opel helfen kann.

Auch in der Koalition ist von Merkel Führung gefragt. Seit Tagen beharken sich Mitglieder ihrer Regierungsmannschaft, als sei schon die heiße Phase des Wahlkampfs angebrochen. SPD-Chef Franz Müntefering stellt öffentlich Merkels Führungsqualität in Frage, Vizekanzler Steinmeier beklagt ein "Tohuwabohu" in der Union.

Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) hält dem Kanzlerkandidaten im Gegenzug "versuchten Betrug" im Fall Opel vor. Am Samstag setzte CSU-Chef Horst Seehofer noch eins drauf und legt den Sozialdemokraten gleich den Ausstieg aus der gemeinsamen Regierung nahe: "Wenn es der SPD nicht mehr gefällt in der großen Koalition, soll es an der CSU nicht liegen, wenn sie aussteigen will."

Der Kanzlerin können solche Attacken nicht gefallen. Sie werde sehr klar machen, dass sie angesichts der schwersten Rezession in der Geschichte der Bundesrepublik "keinen Funken Verständnis dafür hat, wenn sich die Koalition in Scharmützel und Gewürge begibt", heißt es im Kanzleramt. Merkel werde sicher nicht vorschnell das Regieren einstellen.

Sie sei "gewillt, die Verantwortung, die ihr vom Wähler übertragen wurde, bis zum Ende der Legislaturperiode wahrzunehmen". Es dürfe jetzt nicht um "jeder gegen jeden, nicht um Wahlkampf pur" gehen, heißt es auch aus Unionskreisen. Ein "Machtwort" ist aber nicht angesagt: Merkel setzt ohnehin nicht auf ein "Basta" wie ihr SPD-Vorgänger Gerhard Schröder.

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