Stunde Null: Keiner kapitulierte am 8. Mai

Stunde Null: Keiner kapitulierte am 8. Mai

An dem Tag, der in Geschichtsbüchern das Kriegsende markiert, geschah in Wahrheit — nichts.

Flensburg. 7. Mai 1945, 7.40 Uhr: In der Marineschule Flensburg-Mürwik, wo sich seit 3. Mai der von Hitler eingesetzte „Reichspräsident“ Großadmiral Karl Dönitz mit einer von niemandem anerkannten „Regierung“ verschanzt, geht ein Funkspruch aus Reims ein. Generaloberst Alfred Jodl, der bald ein verurteilter Kriegsverbrecher sein wird, übermittelt die Bedingungen, zu denen er als Chef des Wehrmachtsführungsstabes um 2.41 Uhr völkerrechtlich verbindlich die bedingungslose Kapitulation der deutschen Truppen unterzeichnet hat: Ab 8. Mai, 23 Uhr, sollen die Waffen schweigen.

In etlichen Teilen Deutschlands und Europas ist der Krieg längst vorbei: Am 29. April hat die Heeresgruppe C im Mittelmeerraum kapituliert, am 2. Mai haben die deutschen Truppen in Italien ebenso kapituliert wie in Berlin General Helmuth Weidling vor den sowjetischen Truppen.

Am 4. Mai 1945 nimmt der britische Feldmarschall Bernard Montgomery in seinem Hauptquartier bei Lüneburg die Kapitulation der deutschen Truppen in Nordwestdeutschland, den Niederlanden und Dänemark entgegen. Am 5. Mai 1945 kapituliert die Heeresgruppe G bei München vor den Amerikanern; ab dem 6. Mai wird in Süddeutschland nicht mehr geschossen. Die angebliche Festung Breslau kapituliert am 6. Mai, am 7. Mai die 12. Armee von General Walther Wenck, von dem Hitler vor seinem Suizid verlangt hatte, Berlin zurückzuerobern.

Weil Ordnung sein muss, werden in Flensburg von Jodls Funkspruch sieben Kopien abgetippt. Um 16 Uhr geht am 7. Mai (verspätet, wie Generalfeldmarschall Keitel vermerkt) ein weiterer Funkspruch Jodls ein. Darin teilt er mit, wie am 8. Mai die Wiederholung der Kapitulation vor dem sowjetischen Oberkommando in Berlin vonstattengehen und wer daran teilnehmen soll. Und so fliegt Keitel am 8. Mai um 14.30 Uhr von Flensburg nach Berlin, wo er am Flughafen Tempelhof von einem britischen Offizier eine Übersetzung des Textes erhält, den er im russischen Hauptquartier in Karlshorst unterschreiben soll.

Und dann passiert an diesem 8. Mai — nichts mehr. Keitels Delegation muss mehrere Stunden warten. Es geht um Übersetzungen und Änderungen am Text. Es ist 0.16 Uhr am 9. Mai, als Keitel unterschreibt. Da wird an den meisten Fronten entsprechend der Kapitulation von Reims bereits seit einer Stunde nicht mehr geschossen, es ist Frieden.

Fast. Denn gleichzeitig zögern etliche Truppenteile den Vollzug der Kapitulation hinaus, um Soldaten und Zivilisten dem Zugriff der Roten Armee zu entziehen. Die Heeresgruppe Kurland ergibt sich am 10. Mai, die Heeresgruppe Mitte in Böhmen und Mähren am 11. Mai, die letzten Verbände in Ostpreußen am 14. Mai. Und überall morden die Nazis bis zur letzten Sekunde weiter. Am 5. Mai — nach der nordwestdeutschen Teilkapitulation — werden in Flensburg drei Matrosen erschossen, weil sie das Auslaufen ihres Zerstörers verhindern wollten.

Am 6. Mai wird auf dem Marineschießplatz ein Kapitänleutnant wegen Fahnenfluchts hingerichtet. Rund um Dönitz’ Regierungssitz sind „Fliegende Standgerichte“ des Oberkommandos der Wehrmacht unterwegs und erschießen, wen sie aufgreifen — während in Mürwik massenhaft SS-Leute mit Marine-Uniformen und falschen Soldbüchern ausgestattet werden, um sich besser absetzen zu können.

Noch am 22. Mai wird ein 22-Jähriger von einem Standgericht erschossen, bevor die Briten dem Spuk ein Ende bereiten: Dönitz, Jodl und Reichsminister Albert Speer werden verhaftet. Wenige Tage später vermeldet das US-Magazin Time: „Das Deutsche Reich starb an einem sonnigen Morgen des 23. Mai in der Nähe des Ostseehafens Flensburg.“ Nur am 8. Mai geschah praktisch nichts.

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