Interview: Wolfgang Bosbach: „Man überlegt sich, wofür man die Kraft einsetzt“

Interview : Wolfgang Bosbach: „Man überlegt sich, wofür man die Kraft einsetzt“

Wolfgang Bosbach (CDU) im Interview über seinen Rückzug, die Krankheit, Beliebtheit — und seine Wertschätzung für die Kanzlerin.

Düsseldorf. Wolfgang Bosbach ist einer der bekanntesten Politiker in Deutschland — auch deshalb, weil er oft quer zur Linie der CDU-Führung steht. Nun zieht er sich zurück.

Herr Bosbach, warum treffen Sie gerade jetzt die Entscheidung, dass Sie Ihre politische Karriere beenden?

Wolfgang Bosbach: Man muss rückwärts rechnen. Am 4. November wird hier im Rheinisch-Bergischen Wahlkreis der Bundestagskandidat aufgestellt. Die Kreispartei hat mich gebeten, ausreichend vorher Bescheid zu geben, weil es sonst einen innerparteilichen Wettbewerb um die Nachfolge gibt. Deshalb haben wir Anfang des Jahres gesagt, dass ich in der ersten Sitzung nach den Sommerferien Bescheid gebe. Und das habe ich am Montag gemacht.

Wie waren die Reaktionen?

Bosbach: Gestern wie heute auch: Schade, dass Du aufhörst — aber wir können verstehen warum. Es gibt auch einige, die gesagt haben: Jetzt geht noch der letzte Aufrechte von der Fahne. Denen sage ich: Es gibt viele in der Fraktion, die meine politische Auffassung teilen.

Vielleicht sind Sie der Letzte, der seine Haltung vertritt?

Bosbach: (lacht) Das ist ein ganz anderes Kapitel. Man muss aber auch der Wahrheit die Ehre geben: Ich habe es etwas einfacher. Ich habe bei der letzten Wahl 58,5 Prozent der Erststimmen bekommen, ich bin nie über die Landesliste in den Bundestag eingezogen. Und wenn sie so ein Vertrauen haben, dann ist man unabhängiger, als wenn man auf die Landes- oder die Bundespartei angewiesen ist. Wenn ich in Gelsenkirchen kandidiere, hätte ich auch nicht 60 Prozent.

Herr Bosbach, warum sind Sie eigentlich so beliebt?

Bosbach: (lacht) Wissen Sie, was mir mal einer gesagt hat: Worauf Du wirklich stolz sein kannst, ist auf 60 Prozent, obwohl die Leute dich kennen. Was auch Journalisten unterschätzen: Ich bin hier geboren, ich bin hier aufgewachsen, ich bin durch den Karneval und den Sport viel früher bekannt geworden als durch die Politik. Viele kennen mich von Kindesbeinen an und wissen, wie der Bosbach tickt. Dann kam die Politik dazu. Ich habe 20 Jahre Kommunalpolitik gemacht, bevor ich für den Bundestag kandidiert habe. Das ist immer noch die beste Schule für jeden Politiker. Ich habe Menschen, Vereine und Organisationen kennengelernt. Und viele, die mir sagen: Ich wähle nicht die CDU. Aber dich wähle ich.

Jetzt können Sie es ja sagen: Wie ist das Verhältnis zu Angela Merkel wirklich?

Bosbach: Persönlich hatten wir stets einen angenehmen Umgang. Ich habe in keinem Moment das Gefühl gehabt, dass es persönliche Ressentiments gibt. Wenn ich den Wunsch auf ein Vieraugengespräch hatte, dann hat sie sich immer Zeit genommen. Das war nicht selbstverständlich. Ich war ja auch ihr Stellvertreter, als sie Fraktionsvorsitzende war. Wir duzen uns sei ewigen Zeiten. Aber: Das alles ist unabhängig davon, dass ich inhaltlich bei zentralen politischen Themen anderer Auffassung bin. Mein Respekt vor ihrer politischen Lebensleistung ist davon zu trennen.

Am Dienstag war zu lesen, Merkel verliere mit Ihnen keinen Kritiker, sondern einen, der die CDU stützt. Trifft es das?

Bosbach: Das ist interessant. Ich habe oft gelesen, dass es um mich einsam geworden sei in der CDU. Das kann nur jemand schreiben, der noch nie auf einer CDU-Veranstaltung war. Ich habe unglaublich viele Einladungen und nie das Gefühl, dass ich in der CDU isoliert bin. Glauben Sie mir: Die Stimmung an der Parteibasis ist eine andere als im Präsidium der Partei. Die Basis ist hin- und hergerissen zwischen Sympathie für Merkel und Zweifel an der Politik.

Was wollen Sie nicht mitgehen in Sachen Parteilinie?

Bosbach: Ganz klar: Die Euro-Rettungspolitik und die Milliarden für Griechenland. Und in der Flüchtlingspolitik sind es zwei große Fragen: Können wir tatsächlich das schaffen, was wir schaffen müssten? Das wäre: Keine Zuwanderung in die Sozialsysteme, sondern in Beschäftigung. Wenn Hunderttausende kommen mit ungeklärter Identität und Nationalität — was bedeutet das für die zügige Rückführung der Bewerber? Wenn über eine Million kommen, was bedeutet das für beschleunigte Verfahren? Und: Die Mehrzahl der Länder in der EU verfolgt eine völlig andere Flüchtlingspolitik als die Bundesrepublik. Haben wir uns in Europa nicht isoliert? Das treibt die Menschen um. Ich habe im vorigen Monat vier Veranstaltungen im Wahlkreis der Kanzlerin gemacht. Da war die Stimmung genauso wie im Rest der Republik.

Die Beliebtheitswerte Merkels sinken gerade.

Bosbach: Merkel hatte im Vergleich zu allen anderen Regierungschefs in Europa immer eine überragende Zustimmung. Und zwei Drittel von ihnen würden sich über Merkels heutigen Werte noch freuen. Es ist wirklich beachtlich, dass die Union immer noch bei Umfragewerten von 44 bis 45 Prozent liegt und mit Abstand stärkste politische Kraft ist.

Ihre Begründung dafür?

Bosbach: Das erkläre ich mir mit einem hohen Maß an Sympathie für die Kanzlerin.

Darf das der CDU reichen?

Bosbach: Es ist ein wichtiges Argument, aber das reicht natürlich nicht. Ich vermisse, dass wir deutlich machen, dass wir über Sachfragen hinaus sagen, wofür die Union im Wettbewerb mit anderen Parteien steht. Eine Koalition ist keine Fusion, da werden auch die politischen Unterschiede wieder deutlich. Und da muss auch die Union sagen, wofür sie denn in der nächsten Periode gerne kämpfen würde.

Wie sähe Ihre Wunschkonstellation für die Bundestagswahl 2017 aus?

Bosbach: Ich war über die Freudentänze der CDU bei der letzten Bundestagswahl überrascht, weil wir unsere Fortsetzung der Koalition mit der FDP glatt verfehlt haben. Unser Koalitionspartner war verschwunden. Ich drücke der FDP alle verfügbaren Daumen wieder einzuziehen. Die Schnittmengen zwischen CDU und FDP sind von allen Konstellationen die größten. Obwohl ich auch weiß, dass es auf meinem Feld der Innenpolitik mehr Gemeinsamkeiten mit der SPD gibt als mit der FDP.

Was wäre mit einer Schwarz-Grünen Koalition?

Bosbach: Ich kann mir einen Koalitionsvertrag nicht vorstellen, dem diese beide Seiten zustimmen könnten. Mit der einen Hälfte der Grünen sofort, mit der anderen aber unter keinen Umständen. Wahrscheinlich würden die Grünen das auch so sehen: Mit der Tauber-CDU gerne, aber mit den Bosbachs niemals.

22 Jahre Bundespolitik: Was war Ihr Highlight — und Ihre größte Niederlage?

Bosbach: 58,5 Prozent Erststimmen, davon habe ich früher mal geträumt. Es war der größte Abstand zwischen Erst- und Zweitstimme, den ein CDU-Kandidat je in Deutschland hatte. Es hat also über Zehntausend gegeben, die nicht die CDU, aber Bosbach gewählt haben. So viel Vertrauen über Parteigrenzen hinweg, das ist schön. Dass es uns in diesen 22 Jahren nicht ein Mal gelungen ist, eine Steuerreform auf den Weg zu bringen, die diesen Namen verdient — einfacher, transparenter, gerechter und mit deutlicher Entlastung der kleinen uns mittleren Einkommen — das ist allerdings wirklich eine Niederlage.

Herr Bosbach, wie geht es Ihnen derzeit gesundheitlich?

Bosbach: Ich bin nicht der gesündeste, das ist kein Geheimnis. Ich habe eine Herzerkrankung, mit der kann ich aber jetzt ganz gut umgehen. Aber bei der Krebserkrankung ist leider nach menschlichem Ermessen mit Heilung nicht zu rechnen. Die bisherige Therapie hat nicht mehr die gewünschte Wirkung. Ich muss am Montag wieder ins Krankenhaus und werde operiert. Das alles hat natürlich eine Rolle gespielt bei der Frage, ob ich noch einmal antrete. Es geht ja hier immer um einen Zeitraum von vier Jahren. Und ich plane nicht mehr in Jahren, sondern in Wochen. Ich werde nächstes Jahr 65 Jahre alt. Und wenn die Kraft spürbar weniger wird, dann überlegt man sich, wofür man die Kraft noch einsetzt.

Hätten Sie auch in gesundem Zustand Ihre politische Karriere beendet?

Bosbach: Ich kann Ihnen ehrlich darauf keine Antwort geben. Die Frage hat sich ja leider bei mir nie gestellt. Ich habe sie selbst durchgespielt, und ich war hin- und hergerissen. Aber nach der letzten Diagnose jetzt war klar: Es geht nicht.

Sie würden gerne noch andere Dinge erleben, sagten Sie. Welche?

Bosbach: Ich habe viel verpasst im Leben, vor allem bei den Kindern durch den Umzug von Bonn nach Berlin. Vorher konnte ich ja am Familienleben teilnehmen. Und ich habe noch Vieles von der Welt nicht gesehen, was mir gerne angucken würde. Ich hoffe, dass ich noch ein paar Jahre habe, in denen ich das nachholen kann.

Herr Bosbach, das wünschen wir Ihnen.

Bosbach: Vielen Dank.

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