SPD: Sebastian Hartmann - der anonyme Chef-Kandidat

SPD: Sebastian Hartmann - der anonyme Chef-Kandidat

Sebastian Hartmann (40), Abgeordneter aus dem Rhein-Sieg-Kreis, könnte den Vorsitz der NRW-SPD übernehmen, heißt es.

Berlin/Bornheim. Es war bloß eine der vielen Petitessen im Berliner Sondierungs-Klein-Klein, aber für Martin Schulz ging es im Vorfeld des Bonner Parteitags und der Abstimmung über die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen selbst um wenige Dutzend Delegierten-Stimmen. Also nickte die CDU auf sein Drängen hin Anfang Januar ab, dass Martin Schulz verkünden dürfe: Der damalige Noch-Kanzleramts- und Finanzminister Peter Altmaier (CDU) habe sich mit ihm, Schulz, und NRW-SPD-Chef Mike Groschek geeinigt, dass eine Privatisierung der Bundesanteile am Flughafen Köln/Bonn „auf Dauer“ nicht infrage komme.

Dieses für die Bundespolitik und die Berliner Regierungsbildung völlig belanglose Thema hatte die Rhein/Sieg-SPD im Verein mit ihren Kölner Genossen bereits zum Dezember-Parteitag auf die Bundesebene gehoben. Der Vorgang zeigt, welches Gewicht das als etwas langweilig verschrieene Niemandsland zwischen Köln und Bonn in der SPD entfalten kann, wenn es auf die schiere Menge der Stimmen ankommt.

Die SPD-Region Mittelrhein, in der traditionsgemäß die CDU die Kommunal-, Landtags- und Bundestagswahlen und die Direktmandate gewinnt, stellt zehn SPD-Landtags- und acht SPD-Bundestagsabgeordnete (darunter auch Martin Schulz selbst), auf Parteitagen ist sie eine Macht.

Schulz sammelte mit dem Privatisierungs-Aus für den Flughafen Köln/Bonn aber nicht nur Delegierten-Stimmen für die Zustimmung zu Koalitionsverhandlungen ein, die ihm persönlich nun nichts mehr nützen, sondern erfüllte auch die wichtige Forderung eines früheren Mitarbeiters: Sebastian Hartmann, Vorsitzender der SPD im Rhein-Sieg-Kreis und auch der Region Mittelrhein, der nun als möglicher künftiger Vorsitzender der NRW-SPD im Gespräch ist. Bisher spielte der 40-Jährige auf Landesebene keine Rolle und gehört auch dem Landesvorstand der Partei nicht an.

Ob Hartmann von 2011 bis 2013 als Mitarbeiter von Martin Schulz in dessen rund 40-köpfigem EU-Team durch irgendetwas auffiel, ist nicht überliefert, auch wenn der Bundestagsabgeordnete Alexander Neu (Linke) ihn als einen der „politischen Ziehsöhne“ von Schulz bezeichnet.

Als Schulz kurz vor dem endgültigen Ende seiner europapolitischen Karriere — 2014 scheiterte er zuerst an dem Versuch, Präsident der EU-Kommission zu werden, dann wurde er nicht einmal EU-Kommissar, weil die Kanzlerin weiter auf Günther Oettinger (CDU) setzte, seine Ablösung als EU-Parlamentspräsident war fest vereinbart — im November 2016 entschied, sein Heil in der Bundespolitik zu suchen, spendete Hartmann als einer der ersten Applaus: „Gute Nachrichten! Gut für Heimatregion!“, twitterte der Ex-Mitarbeiter.

Noch-NRW-SPD-Chef Mike Groschek soll für seine Nachfolge auf einem Bundespolitiker bestanden haben. In der vorletzten März-Woche rückte Groschek zum traditionellen Reibekuchenessen der Lohmarer SPD im Ortsteil Birk an, wo er den Ortsverein im Gasthof Fielenbach auf den Erneuerungskurs und das Wertegerüst der Partei einschwor. „Ein gelungener Abend“, freute sich Hartmann.

Im Gegensatz zu Groschek formuliert Hartmann recht wolkig. Als die Rhein-Sieg-SPD im Oktober in Troisdorf noch ganz auf dem damaligen Schulz-Kurs über „die Erneuerung der SPD in der Opposition“ diskutierte, erklärte Hartmann, es werde nicht helfen, nur die Organisation und die „Verpackung“ zu ändern. Eine Erneuerung könne nur über inhaltliche Positionen funktionieren, um Vertrauen zurückzugewinnen: „Meine SPD ist links und frei, ist überzeugt von der Kraft der Veränderung hin zur Verbesserung von Staat und Gesellschaft.“

Ansonsten weiß man von Hartmann nicht viel. Im Bundestag fällt er kaum auf, seine Themen sind meist regional, er kämpft für Lärmschutz am Flughafen Köln/Bonn und regionalen Straßenbau. Fast sein ganzes Leben hat er in Bornheim-Sechtem verbracht. Vor 15 Jahren kam der 5000-Einwohner-Ort groß heraus, als dort die Kulissen des Wankdorfstadions für den Film das „Das Wunder von Bern“ errichtet wurden.

Das lässt fast so viel Luft für Interpretationen wie Hartmanns Lebenslauf. In seinen politischen Selbstbeschreibungen erzählt Hartmann recht lückenhaft von sich. So heißt es dort, er habe in Köln Jura studiert und sei dabei von der Friedrich-Ebert-Stiftung unterstützt worden. Auch seine Schwerpunktprüfung („legte ich im internationalen und europäischem Recht ab“) erwähnt Hartmann, lässt allerdings aus, dass er das Studium abgebrochen hat. Sein „besonderer Schwerpunkt im politischen Engagement liegt in der Kommunalpolitik“, erfährt man. Was Hartmann weglässt: Der Schwerpunkt ergab sich auch daraus, dass er 2009 krachend mit einer Kandidatur für das Europaparlament scheiterte, zunächst als „selbstständiger Organisationsberater für Non-Profit-Unternehmen“ weitermachte, dann zu Schulz wechselte und es 2013 schließlich über die SPD-Landesliste in den Bundestag schaffte, was 2017 beinahe schief gegangen wäre.

Mehr von Westdeutsche Zeitung