Sicherheit vor Anschlägen — ein Thema auch für die Wirtschaft

Sicherheit vor Anschlägen — ein Thema auch für die Wirtschaft

Beim „Sicherheitstag“ der Industrie- und Handelskammer Essen informieren Experten über Ansätze für mehr Schutz — und deren Grenzen.

Essen. Sicherheit als Standortfaktor — der Titel des gestrigen „Sicherheitstages“ der Industrie- und Handelskammer Essen zeigt, dass die Furcht vor Anschlägen auch für die Geschäftswelt, insbesondere für Handelsbetriebe mit starkem Publikumsverkehr große Relevanz hat. Alexandra Wagner, Managerin des Essener Shopping-Centers am Limbecker Platz, erinnert sich noch gut, wie das war vor gut einem Jahr, als die Polizei sie am 11. März, einem Samstag, um 5.30 Uhr aus dem Bett klingelte. Wegen eines für den Nachmittag befürchteten Anschlags dürfe das Shoppingcenter nicht öffnen.

Wagner hat noch die Bilder vor Augen, wie eine Hundertschaft das Center absicherte. Und wie die Polizei ganz offen kommunizierte, weshalb das geschah. Sie erinnert sich, wie besorgte Anfragen über soziale Netzwerke auf sie einprasselten. Am Ende passierte nichts, vielleicht gerade wegen der starken Polizeipräsenz.

Doch der wirtschaftliche Schaden war da. Ein einkaufsstarker Tag fiel aus. Keiner der Mietpartner habe den Shoppingcenter Betreiber ECE in die Haftung genommen, sagt Wagner, „Wir hätten dafür auch keinerlei Versicherungsdeckung gehabt.“ Es sei richtig gewesen, versichert die Managerin, mit dieser Vorsichtsmaßnahme zu reagieren. „Hätte man das Center geöffnet gehalten und es wäre etwas passiert, so wäre das viel schlimmer gewesen.“ Doch soll man nun massiv gegensteuern, etwa Sicherheitsschleusen einführen, um Kunden zu kontrollieren? Wagner will das nicht, jedenfalls dann nicht, wenn es keine gesetzliche Vorgabe ist. „Würden wir damit allein vorangehen, würden wir doch eher ein Gefühl der Unsicherheit schüren.“

Deutlich hochgerüsteter ist man da in Israel. Per Video aus Tel Aviv beschreibt der Barbesitzer Dean Raichel, wie sein Lokal 2016 zum Ziel eines Anschlags wurde. Ein Anschlag mit zwei Toten und drei Schwerverletzten, der passierte, obwohl Israel in ganz anderem Ausmaß als Deutschland sicherheitstechnisch unterwegs ist. Ulrich Wacker, Projektleiter der Friedrich-Naumann Stiftung in Jerusalem, beschreibt das so: Sicherheitskontrollen im öffentlichen Raum, vor Konzertsälen, in Einkaufszentren, bei öffentlichen Veranstaltungen. Es gibt viel Videoüberwachung, Poller aus Beton und Stahl, um Attacken mit Fahrzeugen abzuwehren. Schülergruppen werden von bewaffneten Sicherheitsleuten begleitet.

Eine Trennung von nachrichtendienstlicher Tätigkeit und Polizei gibt es nicht, soziale Medien werden flächendeckend überwacht. Und: Nach dennoch immer wieder passierenden Anschlägen wird der Tatort so schnell wie möglich wieder für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht — um das Gefühl von Normalität zu erzeugen. Doch die frühere Normalität lässt sich eben nicht so einfach wiederherstellen, sagt Gastronom Dean Raichel, ein solches Geschehen lasse sich nicht verdrängen. Und auch in Israel, so klagt er, müssen die Betroffenen oft allein mit den Folgen klarkommen. Eine wirtschaftliche Entschädigung oder Hilfe bei der psychologischen Betreuung seines Personals habe es nicht gegeben.

Mit polizeilicher oder nachrichtendienstlicher Überwachung vorzubeugen ist das eine. Aber kann auch die Wirtschaft selbst etwas tun? Mit Sicherheitstechnik und Videoüberwachung, sagen die einen. Einen anderen Ansatz präsentiert Carina Englert, Psychologin am Institut für Rechtspsychologie der Uni Bremen. Dort hat man analysiert, ob es Warnsignale gibt, in denen der Täter eines Anschlags sich verrät — und so noch vor Begehung der Tat von dieser abgehalten werden könnte. Genau diese Warnsignale gibt es, versichert Englert und macht dies plastisch, indem sie ein Video von dem Attentat auf den russischen Botschafter in Ankara im Dezember 2016 zeigt. Minuten vor der Tat zeigt der Todesschütze alle Merkmale, die auch andere in der Hochstressphase befindliche Täter vor ihrem Handeln an den Tag legen.

Unruhiges Hin- und Herschlendern im Raum, Übersprungshandlungen wie häufiges Greifen ins Gesicht und an die Jacke. Das Sich-Umschauen in den rückwärtigen Raum. „Körpersprache ist sehr verräterisch“, sagt Englert und verweist darauf, dass einem ja auch an US-Flughäfen vom Sicherheitspersonal oft recht seltsame Fragen gestellt werden. Etwa, ob man seinen Koffer selbst gepackt habe. Englert: „Den Beamten kommt es dabei nicht auf die Antwort an, sondern sie wollen herausfinden, ob da jemand nervös wird und sich durch seine Körpersprache verrät.“

Doch was macht etwa der Betreiber eines Kaufhauses mit einer solchen Information über die Körpersprache? „Viele Menschen haben ein Bauchgefühl, wenn etwas nicht stimmt“, sagt Englert. Anhand bestimmter Kriterien könne dieses Bauchgefühl durchaus untermauert werden, und dann ließe sich möglicherweise ein fatales Geschehen verhindern. Sie halte es für denkbar, dass dem Verkaufspersonal durch eine Schulung fundierte Kriterien an die Hand gegeben werden, wie sich das Bauchgefühl in einer bestimmten Situation bestätigen lässt und dann lieber einmal zu viel als einmal zu wenig Hilfe angefordert wird.

Dass da auch mal die Falschen in Verdacht kommen könnten, sieht die Psychologin freilich auch. Eine andere Art von Skepsis gegenüber dem Versuch, eine ohnehin nicht herstellbare hundertprozentige Sicherheit gegen Anschläge zu erreichen, formuliert die frühere Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Videoüberwachung, Online-Durchsuchung in Computern, Vorratsdatenspeicherung — all das seien zwar faszinierende Möglichkeiten für Erkenntnisgewinne.

Doch dabei dürfe nicht übersehen werden, dass mit einem immer dichteren Netz der Überwachung jedermann in den Fokus gerate. „Das Ringen um den Schutz der Grundrechte ist essenziell“, appelliert die FDP-Politikerin, „auch in Zeiten des Terrorismus kann es nicht sein, dass wir das jetzt schleichend aushöhlen“.

Es dürfe bei uns nicht so weit kommen, wie sie es selbst kürzlich bei einem Treffen mit einer Menschenrechtlerin in Russland erlebt habe. „Weil wir wussten, dass der Raum abgehört wird, haben wir uns durch den Austausch von Zetteln verständigt.“

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