Neuköllns Bürgermeister Buschkowsky: „Die Muslim-Studie hat mich nicht überrascht“

Neuköllns Bürgermeister Buschkowsky: „Die Muslim-Studie hat mich nicht überrascht“

Berlin. Er ist einer der profiliertesten Stimmen der Politik, wenn es um die Debatte der Integrationspolitik und ihrer Versäumnisse geht: Heinz Buschkowsky. Mit dem Bezirksbürgermeister des Berliner Stadtteils Neukölln, sprach Thomas Wittke.

Hat Sie das Ergebnis der Studie überrascht?

Buschkowsky: Nein, hat sie nicht. Ich glaube auch, dass sie niemanden überrascht, der sich in Stadtlagen mit starken Anteilen muslimischer Einwandererbevölkerung im Thema befindet. Eine zunehmende Hinwendung insbesondere muslimischer junger Männer zur Religion beobachten wir seit einiger Zeit. Genauso beobachten wir seit einiger Zeit ein starkes Werben von jungen Imamen wie zum Beispiel Abdul Adhim und Pierre Vogel um junge Menschen im Einwanderermilieu. Meist handelt es sich um eher fundamentalistische und auch islamistische Lesarten des Islam.

Ist der Umfang der Verweigerungshaltung junger Muslime bedrohlich?

Buschkowsky: Inwieweit die angegebenen Prozentwerte richtig oder falsch sind, kann ich nicht beurteilen. Sie erscheinen mir jedoch nicht unwahrscheinlich. Häufig steckt hinter dem Prozess extremer Frömmigkeit kompensatorisches Handeln. Mit dem subjektiven Empfinden des Ausgegrenztseins, der Benachteiligung und der Chancenlosigkeit entsteht der Wunsch nach Solidarität einer Gruppe und der Erhabenheit über Unmoral und Sünde.

Die, die alles haben, was einem selbst verwehrt ist, sind im Grunde genommen zu verachten, weil der Betroffene über sich sagt: „Ich lebe in der Erkenntnis höherer Werte des Glaubens.“ So oder so ähnlich lautet das Gedankenmuster. In Berlin gibt es eine Broschüre als Ratgeber für Pädagogik, Politik und Sozialarbeit, die trägt den Titel „Ich lebe nur für Allah“.

Bestätigen sich durch die Studie nicht doch die Thesen Thilo Sarrazins?

Buschkowsky: Ich halte die Studie nicht unbedingt für eine Bestätigung für Thilo Sarrazin. Selbst wenn ein Viertel der jungen Muslime zu radikaler Religiosität neigt, tun es drei Viertel nicht. Gleichwohl ist die Entwicklung nicht unbedenklich. Eine ideologisierende Religiosität, vielleicht auch noch gepaart mit Fanatismus, ist mit Vielfalt, Toleranz und Achtung gegenüber Anders-Denkenden kaum vereinbar.

Deshalb sollte aus meiner Sicht dieser nicht zu bestreitenden Entwicklung Aufmerksamkeit geschenkt werden. Insbesondere in Zusammenarbeit mit den Kreisen, Kräften und Institutionen des Islam in Deutschland, die die Gesellschaftsordnung des Landes adaptiert haben und die sich inzwischen in das Wertesystem Mitteleuropas eingebunden fühlen.

Was kann man gesellschaftliche gegen die Radikalisierung tun?

Buschkowsky: Gegen Fanatismus und Radikalisierung hilft Offenheit und Weitblick. Die erlangt man durch Bildung, einen eigenen Lebensentwurf und Freude an der eigenen Leistung. Aber genau das fehlt oft jungen Menschen ohne oder nur mit schlechtem Schulabschluss sowie ohne Ausbildung. Deshalb ist ein Bildungssystem, das zu viele zurücklässt, nicht ganz unbeteiligt an der Entwicklung. Wer Ziele hat und nach einem Platz in der Gesellschaft strebt, braucht keine imaginäre Welt für das Selbstbewusstsein.