Neues Konzept für Pflege-Tüv umstritten

Versorgungsqualität : Neues Konzept für Pflege-Tüv umstritten

Ein Fünf-Punkte-Symbol und vier Kästchen sollen künftig die Versorgungsqualität wiedergeben. Zu kompliziert für Laien, sagen Kritiker. Der Start ist im Herbst 2019 geplant.

Wer ein passendes Pflegeheim für sich oder seine Angehörigen finden will, hat es schwer. Denn den Einrichtungen sieht man nicht gleich an, ob sie gut oder schlecht sind. Eine neue Qualitätsbewertung soll nun für Abhilfe sorgen. Dass Echo auf den von Wissenschaftlern unterbreiteten Vorschlag ist allerdings verhalten.

Den sogenannten Pflege-Tüv gibt es schon seit rund zehn Jahren. Doch das System ist in Verruf geraten. Selbst Einrichtungen mit mäßiger oder gar schlechter Versorgungsqualität erhalten gute Noten. Denn Defizite bei den pflegerischen Leistungen können zum Beispiel durch einen vorbildlichen Speiseplan oder sinnvolle Freizeitmöglichkeiten für die Heimbewohner teilweise wettgemacht werden. So kommt es, dass die Heime in Deutschland aktuell auf eine sehr gute Durchschnittsnote von 1,2 kommen. Letztlich ist das ein irreführender Wert, dessen Zustandekommen von Experten immer wieder kritisiert wurde.

Vor zwei Jahren nahm deshalb der „Qualitätsausschuss Pflege“ aus Vertretern der Pflegekassen und Pflegeeinrichtungen seine Arbeit auf. Die von dem Gremium beauftragten Wissenschaftler unter Federführung der Universität Bielefeld legten nun ein Konzept vor, wonach die bisherigen Benotungen durch ein Fünf-Punkte-Symbol sowie vier quadratische Kästchen abgelöst werden sollen. Im Mittelpunkt steht dabei die Pflegequalität. Konkret zum Beispiel, wie es um die Selbstständigkeit im Alltag der Heimbewohner bestellt ist. Oder, ob sich Pflegbedürftige im Bett durch mangelnde Fürsorge wundliegen. Ein Heim, in dem dies zum Beispiel seit langer Zeit nicht passiert ist, soll in dieser Kategorie fünf Punkte bekommen – als Symbol dafür, dass es hier weit über dem Durchschnitt liegt. „Wir werden zu realistischen Qualitätsbewertungen kommen“, sagte der Pflegewissenschaftler und Leiter des Projekts, Klaus Wingenfeld. Der „Blick auf die tatsächliche Lebens- und Versorgungssituation“ habe Vorrang vor der Beurteilung von Aufzeichnungen bekommen.

Bewertung basiert auf Daten der Heime und externen Prüfungen

Kriterien wie etwa gutes Essen spielen dagegen nur noch eine untergeordnete Rolle. Das Punkte-Symbol beruht auf Daten, die von den Heimen selbst erfasst werden. Die quadratischen Kästchen wiederum sind das Ergebnis externer Prüfungen durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen. Die Ergebnisse der Prüfungen sollen für 18 verschiedene Themen dargestellt werden: etwa die Unterstützung im Notfall oder ein Anwenden umstrittener freiheitsentziehender Maßnahmen, wie die Fixierung mit Gurten. Die Kästchen stehen für vier Kategorien, die von „keine oder geringe Qualitätsdefizite“ über „moderate“ und „erhebliche“ bis hin zu „schwerwiegende“ Defizite reichen.

Die Bewertungen mit den Symbolen könnten so übersichtlich etwa auf einer Seite dargestellt werden, dass ein schneller Gesamteindruck entsteht, hieß es. Ergänzend sollen Menschen auf Heimsuche weitere Informationen zu Ausstattung und besonderen Angeboten der Einrichtung bekommen.

Fachleute befürchten, dass Laien durch die Fülle dieser Daten und Details überfordert sein könnten, um zu einem eigenen Urteil für die richtige Auswahl eines Heims zu kommen. „Das vorgeschlagene Punktesystem der Wissenschaftler ist nicht benutzerfreundlich“, sagte der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, unserer Zeitung. Vielmehr brauche es eine Gesamtnote und pflegerelevante K.o.-Kriterien. „Dazu gehören die Schmerztherapie und die Verhinderung von Wundgeschwüren, die Gabe von Medikamenten sowie die Behandlungspflege.“ Ein neuer Pflege-Tüv müsse leicht verständlich sein, die Praxis abbilden und eine schnelle Vergleichbarkeit ermöglichen.

Ministerium: Es fehlen noch „ein paar Ausarbeitungen“

Der Gesundheitsexperte und SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach äußerte sich ebenfalls kritisch. Zwar seien die Vorschläge geeignet, „die Unterschiede zwischen den einzelnen Pflegeeinrichtungen klarer zu machen, weil nicht alle Einrichtungen automatisch gut bewertet werden“. Die Informationen könnten aber sicher noch vereinfacht werden. „Es muss noch an besseren Zusammenfassungen der Ergebnisse gearbeitet werden“, erklärte Lauterbach auf Anfrage. Die Pflegeexpertin der Grünen, Kordula Schulz-Asche, nannte es derweil grundsätzlich richtig, im neuen Prüfungsverfahren den Blick mehr auf fachliche Aspekte zu richten.

Das weitere Vorgehen ist nun Verhandlungssache der Selbstverwaltung von Pflegekassen und Pflegeanbietern. Laut Gesundheitsministerium soll der neue Pflege-Tüv spätestens im Herbst 2019 starten. Bis dahin fehlten noch „ein paar Ausarbeitungen“. Wie es hieß, wollen Einrichtungen mit sehr guter Qualität etwa seltener überprüft werden. Diese „sehr gute Qualität“ muss aber noch genauer definiert werden.

Kommentar: Pflege-Tüv - Besser, aber nicht hilfreicher

(dpa)
Mehr von Westdeutsche Zeitung