Merkel beißt auf die Zähne

Merkel beißt auf die Zähne

Die Kanzlerin trifft trotz ihres Langlauf-Unfalls die Sternsinger — unter Schmerzen.

Berlin. Peter Altmaier darf für eine halbe Stunde Bundeskanzler sein. Der neue Chef der Regierungszentrale muss Angela Merkel zunächst vertreten und die Sternsinger im Kanzleramt empfangen. Sie wüssten ja, sagt Altmaier zu den mehr als 100 als Heilige Drei Könige verkleideten Kindern, dass der Kanzlerin beim Ski-Langlauf ein „Missgeschick“ passiert sei. Deswegen sei er, der als Jugendlicher im Saarland auch mal als Balthasar von Tür zu Tür gezogen ist, jetzt da. Merkel werde es sich aber nicht nehmen lassen, die Sternsinger noch zu begrüßen. Eine halbe Stunde später ist es dann soweit.

Da kommt die von Schmerzen geplagte Regierungschefin langsam um die Ecke gehumpelt, an Krücken, es ist deutlich erkennbar, wie schwer ihr das Laufen fällt. Doch der Termin war ihr wichtig, obwohl die Ärzte Merkel geraten haben, wegen ihres angebrochenen Beckenrings die nächsten drei Wochen mehr zu liegen als zu stehen. Merkel beißt die Zähne zusammen.

Das sieht man, als sie die zwei Stufen der großen Freitreppe erklimmt und sich zwischen die Sternsinger aus 27 deutschen Diözesen positioniert. Der Presseandrang bei diesem Termin ist ungewöhnlich groß — Dutzende Kameraleute und Fotografen sind gekommen. Kein Wunder, es ist der erste öffentliche Auftritt nach dem Ausrutscher im Schweizer Schnee. Die gestrauchelte CDU-Vorsitzende an Gehhilfen ist das Bild des Tages.

Allerdings auch, wie ein kleiner Sternsinger Merkel das Notenblatt hält, während sie auf den Krücken gestützt das Lied „Segen bringen, Segen sein“ mitsingt. Ein Bein muss die Kanzlerin immer wieder leicht anwinkeln, um das Becken zu entlasten. Der Präsident des Kindermissionswerks „Die Sternsinger“, Klaus Krämer, betont, dass es ein „großes Zeichen der Anerkennung“ sei, dass Merkel den Termin überhaupt wahrgenommen habe.

Er spricht „herzliche Genesungswünsche“ aus. Die Kanzlerin selbst geht nur kurz auf ihren Unfall in den Winterferien ein — sie erklärt, Altmaier habe einen Teil des Programms übernommen, „weil ich nicht ganz gut stehen kann, mehr liegen soll“. Dann lobt sie das Engagement von bundesweit rund einer halben Million Jungen und Mädchen, die in diesem Jahr für Flüchtlingskinder gesammelt haben. „Ihr seid ein Segen für die Welt“, betont die Kanzlerin.

Gleichwohl wird sie den Rat der Ärzte, möglichst viel zu liegen, am Mittwoch ebenfalls nicht gänzlich befolgen. Merkel will unbedingt die Kabinettssitzung leiten. Am Rande der Freitreppe steht übrigens auch der neue Staatssekretär im Kanzleramt, Helge Braun. Er ist zwar schon lange Politiker, aber eigentlich ist er auch gelernter Arzt. Es sei gut, dass Braun „in unserer Nähe ist“, scherzt Merkel. Dann singt sie noch ein Lied mit, winkt kurz den Kindern zu, und humpelt wieder davon.

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