Kunstfund: Gurlitt versteht die Welt nicht mehr

Kunstfund: Gurlitt versteht die Welt nicht mehr

Cornelius Gurlitt (80) fühlt sich zu Unrecht verfolg. Er kritisiert Staatsanwaltschaft, Politiker und Medien.

München. Der japanische Soldat Hiroo Onoda hat bis 1974 nicht gewusst, dass der Zweite Weltkrieg zu Ende war.

So lange hielt er sich auf der philippinischen Insel Lubang versteckt. Ähnlich scheint es heute Cornelius Gurlitt zu ergehen, dem Besitzer des beschlagnahmten Münchner Kunstschatzes.

Der 80-Jährige versteht die Welt nicht mehr, fühlt sich unschuldig verfolgt — von Staatsanwälten, Politikern, Medien und wohl auch von jüdischen Erben.

Die Behörden wollen mit ihm über eine freiwillige Rückgabe seiner Bilder sprechen. „Das mache ich auf keinen Fall“, sagt Gurlitt dem „Spiegel“.

Die Reporterin Özlem Gezer hat den 80-Jährigen vier Tage lang begleitet. Sie hat viele Gespräche mit ihm geführt — und dabei das Gefühl gehabt, als ob sie „in eine Zeitmaschine gestiegen wäre“. Denn Gurlitt lebt seit Jahrzehnten in seiner eigenen Welt: abgeschottet, leise und unauffällig. Er hat aufgehört fernzusehen, als das ZDF auf Sendung ging. Seinen letzten Kinofilm sah er 1967. Noch nie hat er etwas im Internet gesucht.

Gelebt und gesprochen hat er fast nur noch mit seinen 1400 Bildern. Doch die sind jetzt weg, beklagt er. „Die hätten doch warten können mit den Bildern, bis ich tot bin.“

Die Ermittlungen wegen Steuerhinterziehung und Unterschlagung hält er für grobes Unrecht, das ihm widerfährt. Dass viel größeres Unrecht jüdischen Opfern widerfuhr, die verfolgt, enteignet und ermordet wurden — darüber scheint er nicht nachzudenken: Sein Vater habe Hitler verdeckt bekämpft, sagt Gurlitt. Nur um die Bilder zu retten, hätte er mit den Nazis zusammengearbeitet.

Die vielen Zeichen der historischen Verantwortung des Staates gegenüber jüdischen Opfern und Nachkommen, all die Gedenktage und „Nie-wieder“-Reden — an Gurlitt scheinen sie komplett vorbeigegangen zu sein.

Aber auch die deutschen Behörden haben sich nicht mit Ruhm bekleckert. 20 Monate lang hielten sie die 1400 Bilder, von denen 590 als mögliche NS-Raubkunst gelten, unter Verschluss, jetzt schieben sie sich gegenseitig die Schuld zu — und streben eine einvernehmliche Lösung an. Doch darauf will sich der schwer kranke Mann nicht einlassen. Er will seine Bilder zurück.

Ob ihm steuerrechtlich in Deutschland überhaupt etwas nachgewiesen werden kann, ist fraglich. Denn erstens dürfte das verjährt sein. Und zweitens ist Gurlitts Hauptwohnsitz nicht in Deutschland, sondern in Österreich. Dort soll er laut „Süddeutsche Zeitung“ für „bescheidene Einkünfte“ Steuern zahlen.

Die Staatsanwaltschaft Augsburg hält dagegen: „Steuerlich relevant ist nicht der Wohnsitz, sondern der Lebensmittelpunkt, und für bestimmte Steuern nicht einmal der.“ Was genau die Ermittler in den vergangenen 20 Monaten ermittelt haben, ist unklar. Doch zu Gurlitt selbst hat der Staatsanwalt bisher kaum Kontakt aufgenommen. „Ich verstehe nicht, warum der sich noch nicht bei mir gemeldet hat“, sagt der 80-Jährige.

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