Kosovaren sollen deutsche Pflege retten

Fachkräftemangel : Kosovaren sollen die Pflege retten

Ein Modellprojekt holt Fachkräfte aus dem Kosovo nach Deutschland. Die Herausforderung liegt in der Bürokratie. Es dauert manchmal mehr als ein Jahr, bis die Fachkräfte in Deutschland arbeiten können.

Deutschland steckt tief in der Pflegekrise: Mehr als 35.000 offene Stellen gibt es bereits, die Vakanzzeit ist von 57 Tagen im Jahr 2008 auf zuletzt 171 Tage gestiegen. Der Fachkraftmangel wird immer ärger. „Es ist kaum mehr möglich, in Deutschland ein Krankenhaus oder eine Pflegeeinrichtung ohne ausländischen Pflegekräfte zu betreiben“, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im Sommer. Allerdings sind die Verfahren für Visa und die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse langwierig und kompliziert. Die Deutsche Krankenversicherung (DKV) startet jetzt zusammen mit der Bezirksregierung Düsseldorf ein Modellprojekt, um gezielt junge Fachkräfte aus dem Kosovo schnell und einfach nach Deutschland zu holen.

Die DKV betreibt mit einer Tochterfirma selbst Pflegedienste und Altenheime. Allerdings nicht so viele, wie man gerne möchte: „Jede zweite Anfrage, ein neues Haus zu übernehmen, müssen wir verneinen – mangels Personal“, sagt Uwe Peters von der DKV Pflegedienste & Residenzen GmbH. „Wir haben kaum noch Hoffnung, Pflegekräfte im Inland zu finden.“ Weil die Verfahren im Rahmen der Freizügigkeit innerhalb der EU einfacher sind, warb man wie viele Träger in NRW zunächst um Fachkräfte aus Spanien, wo es viele gut ausgebildete Pfleger gab, die wegen der Wirtschaftskrise allerdings keine Jobs fanden.

Die Uni-Klinik in Düsseldorf etwa warb vor einigen Jahren 19 spanische Krankenpfleger an. „Man muss in der Pflege heute alle Register ziehen“, bestätigt Sprecher Tobias Pott. Die Bilanz heute: Die meisten blieben – ein Erfolg aus Kliniksicht. Bei der DKV P&R sah die Erfahrung anders aus: Drei Viertel der spanischen Fachkräfte gingen wieder – teils weil sie den hohen Anteil Grundpflege in der Altenpflege nicht wollten, aber auch, weil die spanische Wirtschaft sich erholte.

Davon ist der Kosovo weit entfernt: Durchschnittslöhne von 350 bis 450 Euro erwarten die sehr junge Bevölkerung, wenn sie überhaupt Arbeit findet – die Arbeitslosenquote liegt bei über 30 Prozent, bei unter 25-Jährigen sogar über 50 Prozent. Gleichzeitig, so Elke Brüggemann von der DKV P&R, habe man mit dem AAB College in Pristina eine sehr ordentliche Ausbildungsstätte gefunden, die einen Studiengang „Nursing“ anbietet und deren Dekan in Deutschland Pflegewissenschaft studiert hat. 800 Absolventen gibt es pro Jahr – viele von ihnen wollen unbedingt nach Deutschland.

Das Problem: „Es ist eine Herausforderung, die Menschen durch das System zu begleiten“, sagt Peters. Schon für die Beantragung eines Visums bei der deutschen Botschaft in Pristina gebe es eine Wartezeit von zwölf Monaten. Die Gleichwertigkeitsfeststellung des Berufsabschlusses braucht in Deutschland durchschnittlich vier Monate, so das Gesundheitsministerium auf Anfrage, in Einzelfällen allerdings auch viel länger. Und dann muss der Bewerber in der Regel Ausgleichsmaßnahmen erfüllen, um wirklich in der Pflege arbeiten zu können – im Fall von zwei Serben, die man gerade nach Düsseldorf geholt habe, seien das 1000 Stunden, so Peters Und in dieser Zeit verdienen die Zuwanderer in der Regel nichts.

„Wo Pflegekraft draufsteht, muss auch Pflegekraft drin sein“, sagt Lukas Schmülling, bei der Bezirksregierung Düsseldorf zuständig für die Anerkennung der Berufsabschlüsse. Deshalb sei das Verfahren wichtig. Dennoch sei man „sehr offen“ gewesen für das Modellprojekt der DKV P&R. Denn was derzeit so lange dauere, sei die Prüfung im Einzelfall – bei der Ausbildung am AAB College hingegen wissen man von vornherein, was die Bewerber können, welche Maßnahmen sie noch brauchen. Und die ersten Gruppen haben jetzt bereits parallel zum Studium mit Deutschkursen begonnen. 5200 Euro pro Kopf investiert die DKV P&R bis zur Einreise der jungen Pflegekräfte. Ihren Bescheid für die Berufsanerkennung von der Bezirksregierung sollen die dann bereits in der Tasche haben, nur noch etwa 360 Stunden Ausgleichsmaßnahmen leisten müssen und bereits ein Gehalt als Pflegehelfer beziehen, bis sie als Fachkraft arbeiten dürfen. Im Frühjahr 2020 sollen die ersten Kosovaren kommen. Erst einmal 20 bis 40 – viel mehr allerdings wollten gern folgen, heißt es. Die Bezirksregierung Düsseldorf lädt daher weitere Unternehmen ein, sich dem Projekt anzuschließen.

[Link auf Beitrag 42658085]Kommentar: Ein Schritt – nicht die Lösung

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