Kaffeekapseln: So schlecht ist die Umweltbilanz wirklich

Kaffeekapseln: So schlecht ist die Umweltbilanz wirklich

Nespresso wirbt mit Argumenten, die andere Arten der Zubereitung schlecht aussehen lassen. Ein Umweltexperte hat jedoch Zweifel. Eine Analyse.

Düsseldorf. Noch ist es, gemessen am gesamten Kaffeeverbrauch, ein relativ kleiner Markt: Nach jüngsten Zahlen des Deutschen Kaffeeverbands lag der Marktanteil von in Kapseln verkauftem Kaffee 2016 bei 5,6 Prozent des Gesamtmarktes. Zum Vergleich: Gemahlener Filterkaffee lag bei 62 Prozent, ganze Bohnen kamen auf 24 und Kaffeepads auf 8,4 Prozent.

Doch diese 5,6 Prozent Marktanteil der Kapseln sind den Produzenten lieb und teuer. Weil der Konsument bereit ist, deutlich mehr für die bequeme Art der Zubereitung zu zahlen, machen die 5,6 Prozent Marktanteil einen Umsatzanteil von mehr als 15 Prozent des Gesamtumsatzes aus. Während der Kaffeetrinker für eine Tasse Filterkaffee oder auch die im Vollautomat produzierte Einheit je nach Qualität fünf bis 15 Cent bezahlt, können es bei einer Kapsel-Portion auch schon mal mehr als 40 Cent sein. Dazu kommt die Frage: Schadet der die Bequemlichkeit liebende Kapselfreund nicht der Umwelt?

Die Regierung der Balearen mit der Lieblingsinsel der Deutschen, Mallorca, hat genau das im Blick und prescht vor. Sie will zur Bekämpfung des Müllbergs ab 2020 nur noch solche Kaffeekapseln erlauben, die biologisch abbaubar sind. Anderes gilt nur, wenn Hersteller und Händler die Kapseln zurücknehmen und recyceln.

Bei jährlich über zwei Milliarden verkauften Kapseln allein in Deutschland entsteht nach Berechnung der Stiftung Warentest schon eine Müllmenge von mehr als 5000 Tonnen allein durch die Alu- und Plastikdöschen. Und die Deutsche Umwelthilfe rechnet vor: Auf sechs Gramm Kaffee in der Kapsel kommen circa drei Gramm Aluminium oder Kunststoff für die Einzelverpackung. Und noch mal zwei Gramm Papier für die Umverpackung. Das mache auf sechs Gramm Kaffee stolze fünf Gramm Verpackung.

Doch Nespresso, der Pionier des Kapselkaffees, geht mit dem Hinweis auf eine Studie des Forschungsinstituts Quantis in die Gegenoffensive. Der Kerngedanke der Argumentation, mit dem man zeigen will, dass der Kaffeekonsum mittels Kapsel gar nicht so schlimm sei: Wenn es um die Ökobilanz geht, habe weniger die Verpackung als vielmehr der Kaffeeanbau und die Art der Zubereitung eine große Bedeutung.

Nespresso jedenfalls reklamiert für sich, den nachhaltigen Kaffeeanbau zu fördern. Auch werde wegen des portionierenden Zubereitungssystems kein Kaffeepulver verschwendet — das Wegschütten überflüssig gewordener Portionen entfalle. Im Übrigen seien die eigenen Maschinen, die wenig Zeit zum Aufheizen brauchten und dank Abschaltautomatik Strom sparten, energieeffizient. Und schließlich ließen sich die Aluminium-Kapseln im gelben Sack entsorgen und dann wiederverwerten — etwa zu Fahrrädern oder Fensterrahmen.

Günter Dehoust, Experte für nachhaltige Stoffströme und Kreislaufwirtschaft beim Öko-Institut, sieht das nicht so euphorisch. „Auch wir haben schon Bilanzen gemacht, in denen wir die ganze Kette betrachtet haben — vom Anbau über das Verschiffen über den Handel bis zum Verbraucher.“ Natürlich sei die Verpackung nicht alles und auch Anbau und Zubereitung seien mit Blick auf die Ökobilanz durchaus relevant. Aber auch andere Hersteller beanspruchten für sich, dass sie nachhaltig angebauten Kaffee verkaufen.

Und die Verpackung spiele sehr wohl eine wichtige Rolle in der Ökobilanz. Dehoust: „Die Herstellung und das Entsorgen der Kapsel kann je nach Rahmenbedingung schon deutlich über ein Drittel der Belastung für die Umwelt ausmachen.“ Natürlich sei es durchaus relevant, wenn man mit einer anderen Art der Zubereitung die doppelte Menge Kaffee verbrauche. Auch bei den Kapselanbietern gebe es da Unterschiede — der eine fülle sechs Gramm ab, der andere sieben und mehr. Aber mit Blick auf die Verschwendung von weggegossenem Filterkaffee und dem Vorteil des portionierten Kapselkaffees müsse man doch sagen: „Auch mit einem Vollautomat, einer Siebträgermaschine oder auch einer Kaffeepad-Maschine lässt sich eine einzelne genau portionierte Einheit zubereiten.“ Und auch bei diesen Maschinen lasse sich der Stromschalter danach ja auch sofort wieder abschalten.

In der Ökobilanz schlage der doch erhebliche Bereich der zusätzlichen Verpackung zu Buche. Vor allem bei großen Verbrauchsmengen, etwa im Büro, sei das ein Nachteil. Dehoust: „Wenn ein Alleinstehender zu Hause jeden zweiten Tag eine Tasse Kaffee trinkt, kann das natürlich anders zu beurteilen sein.“

Bei der Abwägung Aluminium- gegen Plastikkapseln gebe es keine einheitliche Antwort. Zwar seien auch ökologisch optimierte Kunststoffkapseln auf dem Markt. Aber generell könne man sagen, dass die Aluminiumkapsel gegenüber der Kunststoffkapsel besser abschneidet. Dehoust schränkt jedoch ein: „Mit Blick auf das von Nespresso angesprochene Recycling werden nach unserer Einschätzung maximal 50 Prozent wirklich über das duale System entsorgt. Die andere Hälfte landet im Restmüll und wird daher nicht recycelt.“ Dehousts abschließende Empfehlung: „Kaufen Sie den Kaffee, der Ihnen am besten schmeckt. Nutzen Sie dabei möglichst Kaffee aus Öko-Anbau. Kleine regionale Kaffeeröstereien bieten oft sehr gute Qualitäten, die oft auch in Mehrwegbehältnissen gekauft werden können.“

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